Der Wandel des Zeitgeistes in den letzten Jahrzehnten veranschaulicht eine TV-Familienshow am Samstagabend in den siebziger Jahren: Der Moderator Rudi Carrell rief in das Elektrizitätswerk einer deutschen Stadt an. Dann wurden die dort wohnenden Zuschauer aufgefordert, möglichst viele stromabhängige Geräte einzuschalten.

In der Folge gab der Mitarbeiter im Elektrizitätswerk die Höhe des kurzzeitig gestiegenen Stromverbrauchs bekannt. Auf diese Weise durfte das Publikum die Sieger mitbestimmen.

Ein vergleichbares Verhalten würde heute unweigerlich heftige öffentliche Empörung auslösen. Verschwenderischer Umgang mit Energie ist mittlerweile verpönt.

Spätfolgen

Dass mit erhöhtem Stromverbrauch TV-Kandidaten ermittelt wurden, zeigt eine damals grundsätzliche Einstellung: Über den haushälterischen Umgang mit Energiequellen und Rohstoffen machten sich die Mehrheit der Bevölkerung wenig Sorgen. Beides schien im Überfluss vorhanden. Lange Zeit galt etwa Strom aus Atomkraft als Segen für die Menschheit – bis zu Tschernobyl und weiteren Katastrophen.

Kulturforscher erklären die damalige Denkweise mit Spätfolgen des 2. Weltkriegs. Dieser hatte die Menschen zu einer sehr sparsamen Lebensweise gezwungen. Die Lebensmittel waren rationiert.

Endlich konsumieren

Durch beträchtliche amerikanische Finanzhilfen, nahm die Wirtschaft in Europa in den Nachkriegsjahren kräftig Fahrt auf. In Deutschland machte das Schlagwort des «Wirtschaftswunders» die Runde. Die Menschen konnten sich Kühlschränke, Waschmaschinen, Zentralheizung leisten, manche sogar ein Auto. Einige Menschen fuhren sogar ins Ausland in die Ferien.

Was heute selbstverständlich erscheint, schien damals wie der Anbruch eines goldenen Zeitalters, Komfort und Wohlstand war für alle möglich geworden.

Die Technik machte in jenen Jahrzehnten eindrückliche Fortschritte: Transistorradio, Handmixer, Neonröhren, robuste Kunststoffe, um nur einige Beispiele zu nennen.

1964 konnten die Menschen die Olympischen Spiele in Tokio am TV-Gerät verfolgen, Satelliten ermöglichten die Bildübertragung. Mit der ersten Landung auf dem Mond im Jahr 1969 schien dem technischen Fortschritt kein Limit mehr gesetzt. Kaum ein Ziel wirkte zu utopisch.

Flugreisen für alle

Zwei Jahre zuvor war in Südafrika die erste Herztransplantation gelungen. Auch in der Medizin schienen die Entwicklungen kaum Grenzen zu kennen.

1969 unternahm das Grossraumflugzeug Boeinig 747, genannt Jumbo Jet, seinen Erstflug. Mit den erhöhten Transportkapazitäten sanken die Preise für Flugtickets.

Zuvor war das Reisen durch die Luft nur gutbetuchten Menschen möglich, nun konnten sich auch Normalverdiener ihre Träume von Strand, Sonne und Exotik erfüllen. Mittlerweile spricht man von «Flugscham». Damals hätte dieses Schlagwort irritiertes Kopfschütteln ausgelöst.

Beträchtliche Langzeitfolgen 

Erst allmählich begann sich der Preis für dieses ungebremste Wachstum abzuzeichnen. Die damals noch wenig geklärten Abwässer aus der Industrie brachten Flüsse zum Kippen. Fische, Krebse und weitere Lebewesen starben.

Und auch in der Medizin zeigte sich, dass einzelne Medikamente zu unerwünschten Folgen führen. So galt beispielsweise das angstlösende Medikament Valium einst als eine Art Wundermittel; mittlerweile wird es sehr zurückhaltend verschieben. In Langzeitbehandlungen führt es zu schweren psychischen und körperlichen Schäden.

Das Beispiel Valium veranschaulicht das allmähliche Umdenken in vielen Lebensbereichen. In den USA wurde das Medikament ab den sechziger Jahren sorglos nervösen und von Schlaflosigkeit geplagten Hausfrauen verschieben. Dies trug ihm den Spottnamen «Mutters kleine Helfer», Mother's Little Helper, ein. 

Valium zählte ehemals zu den Blockbustern, damit werden pharmazeutische Produkte bezeichnet, die einen Jahresumsatz von einer Milliarde Dollar übertreffen.

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Derartige Arbeitsbedingungen gelten heute als unzumutbar. (Foto: Wikipedia) 


Überfordernde Erwartungen

Erst später dämmerte die Erkenntnis, dass Anspannung und Gereiztheit nicht in erster Linie eine Folge von nervlichen Fehlfunktionen ist. 

Sie können auch auf kulturelle Fehlentwicklungen hindeuten, die von Frauen abverlangt, perfekte Mütter, perfekte Ehefrauen, perfekte Gastgeberinnen, perfekte Bettgenossinnen und zudem auch noch stets perfekt gestylt zu sein.

Die Scheinwelt der Modemagazine und der Kinoleinwände setzte einerseits die Messlatte für Frauen in unerreichbare Höhe, andererseits wurde ihnen wenig Mitbestimmung bei den gesellschaftlichen Verhältnissen zugestanden. Erst seit fünfzig Jahren dürfen Schweizerinnen wählen und abstimmen. 

Nervosität und Schlaflosigkeit können auch Anzeichen von unerträglich gewordenen Lebensumständen sein.

Preis des Fortschritts

Vor einem halben Jahrhundert herrschte der Glaube vor, nahezu jede auftretende Schwierigkeit lasse sich mit technologischen und chemischen Instrumenten lösen. Die Natur lasse sich mit menschlichem Erfindergeist austricksen.

Mittlerweile hat sich der Blickwinkel geweitet: Die Erde ist nicht unendlich ausbeutbar. Der Einsatz von viel Chemie in der Landwirtschaft führt unweigerlich zu Umweltschäden. Die Artenvielfalt nimmt ab, weil die Nahrungsketten von Raupen, Insekten, Amphibien, Fischen und Vögeln unterbrochen werden.

In den 1950-Jahren wurde beispielweise das Insektizid DDT grossflächig versprüht. Später wurde es verdächtigt, krebserregend zu sein. Zudem legten Vögel Eier mit dünneren Schalen. Seit den siebziger Jahren darf die Chemikalie nicht mehr eingesetzt werden.

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Artenvielfalt ist für das Überleben von  zahlreichen Pflanzen und Tieren unverzichtbar. (Foto: Adrian Zeller) 


Renaturierte Gewässer

Im Weiteren hat sich die Erkenntnis, dass zahlreiche Fahrten mit PKW, Lastwagen, Motorrädern sowie Schiffs- und Flugreisen unweigerlich zu einem globalen Temperaturanstieg führen, durchgesetzt. Mittlerweile ist der Ausstieg aus fossilen Energieträgern beschlossene Sache.

Einstmals begradigte Flüsse und Bäche werden für beträchtliche Summen renaturiert, damit sie bei Hochwasser Spielraum haben. Zugleich werden Feuchtgebieten und Auenwälder gefördert, die den Lebensraum für zahlreiche Tiere und Pflanzen bilden.

Mensch als Zahnrädchen

Das allgemeine Denken hat sich von einer technologischen zu einer und ökologischen Sichtweise gewandelt.

Der Veränderung des Denkens zeigt sich auch an einem anderen Beispiel: Der US-Amerikaner Winslow Taylor (1856 – 1915) entwickelte die Arbeitsmethode des sogenannten Taylorismus. Dabei werden Arbeitsabläufe in kleine Einzelschritte zerlegt. Der Vorteil sind sinkende Stückkosten durch Effizienzsteigerung.

Die Folgen sind übermässige Abnützung einzelner Gelenke mit den entsprechenden Ausfällen infolge Krankheit und Rehabilitation. Zudem sinken die Motivation, das Engagement und die Arbeitszufriedenheit. Die Mitarbeitenden fühlen sich auf fremdbestimmte Zahnrädchen in einem riesigen Apparat reduziert.

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Der Blick aus dem Weltall auf die Erde hat ihre Verletzlichkeit bewusst gemacht. (Foto: Wikipedia) 


Veränderter Blick auf die Erde

Mittlerweile ist vielen Menschen klar geworden, dass üppiger materieller Wohlstand nur zum Preis von Schäden an der Umwelt oder an der eigenen Gesundheit zu haben ist.

Manche Experten sagen, die bei der ersten Mondlandung entstanden Fotos der Erde aus dem Weltall, habe vielen Menschen erstmals bewusst gemacht, dass sie nicht auf einem unendlich ausbeutbaren Rohstofflager, sondern auf einem sehr verletzlichen Gebilde leben.