Der Zeitpunkt passte ausgezeichnet, das Motto von Märchenerzählerin Huguette Schwager aus Aadorf ebenfalls. Alles drehte sich um Sterne, um Himmelslichter, aber auch um Bedrohungen und Erlösungen. Der kleine Raum war zu Beginn schon ganz geheimnisvoll beleuchtet. Die Kinder und ihre Begleitperson – auch ein Grossvater war auszumachen – setzten sich schnell auf die Zuschauertreppe. Mucksmäuschenstill folgten sie den Geschichten und deren oft unerwartete Wendungen, mehr oder weniger an Mama gekuschelt.

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Bibliotheksleiterin Jolanda Erismann begrüsste die Märchenfrau Huguette Schwager und versprach eine schöne Einstimmung in den Advent. 

Märchenfrau Huguette Schwager

Wer die Webseite der Märchenerzählerin anklickt, begegnet einer märchenhaften Welt. Auf einem Bio-Bauernhof in Aadorf können Kinder und Erwachsene in eine naturnahe Welt eintauchen. Huguette Schwager geht aber auch auswärts, denn Märchenerzählen ist ihr laut eigener Aussage zu einer wahren Passion geworden.

Märchen haben praktisch immer einen Bezug zum eigenen Leben, zeigen auf, dass sich Mut und Durchhaltewillen lohnen, aber auch, dass das Leben Durststrecken kennt, die es zu durchleiden gilt. Und dass das Nichtbefolgen von Regeln auch seine Konsequenzen hat, so im Märchen von der Sternenfrau. Mit ihrer äusserst abwechslungsreichen Stimmgestaltung und teilweise ausgreifenden Gesten schlug die Erzählerin ihr kleines, feines Publikum in ihren Bann. Die Stunde war im Hui vorbei – Kinder und Erwachsene danach gleichermassen beglückt.

Gold als wichtiges Märchenelement

Kaum ein Märchen kommt ohne Gold aus. So ging es auch einem armen Buben, der im Wald Holz suchen musste, dabei aber erbärmlich fror. Er fror sogar derart, dass er beschloss, gleich im Wald schon ein Feuer zu machen. Doch da lag Schnee, den er erst mit den Händen wegschieben musste. Doch da entdeckte er einen goldenen Schlüssel. «Wo ein Schloss, da sicher auch eine Schatztruhe!», dachte er sich. Und natürlich fand sich bald darauf so eine kleine Truhe. Nur, was war in der Schatzkiste drin?

Jetzt kam die gewiefte Märchenfrau zum Zug. Sie wollte dem Publikum nämlich nicht verraten, was in der Truhe versteckt sei, sondern versprach einzig, das Geheimnis werde später schon noch gelüftet. Da hörte man schon ein unterdrücktes Raunen vom einen oder andern Sitzkissen. «Warten? Ach, wie blöd!» Aber es getraute sich auch keines der anwesenden Kinder, öffentlich zu raten, was wohl in der Truhe drin liege.

Anschauliche Bilder

Ein Kindergartenkind kann sich unter einer Zahl vielleicht noch nicht viel vorstellen. Wenn es aber heisst, eine Familie habe «so viele Kinder, wie ein Sieb Löcher hat», dann ist die genaue Anzahl ja völlig egal, es sind einfach wirklich viele! Dass es in einer solchen Familie langsam schwierig wird, immer wieder einen neuen Götti aufzutreiben, kann man sicher verstehen. Der Mann im Märchen «Die Königstochter in der Flammenburg» muss sich deshalb an die Strasse stellen, allerdings kommt da kaum je jemand vorbei.

Endlich! Ein alter Mann mit einer Kuh und einem Stierkälbchen! Dieses trägt einen goldenen Stern auf der Stirn – und natürlich kann es auch reden. Klar bekommt der Bub das Kälbchen geschenkt. Er erlebt ganz viele Abenteuer mit diesem. Aber immer, wenn er zuschauen möchte, wie das Tier Gras frisst, muss der Bub schlafen. Das Stierkalb frisst eben auf der Himmelsweide Sternenblumen ab, doch das darf niemand wissen.

Später erlebt der unterdessen zum Jüngling herangewachsene Bub viele Abenteuer, denn er will eine verzauberte Königstochter befreien. Er besteht alle Anforderungen, kann den siebenköpfigen – im geschriebenen Märchen sind es gar zwölf Köpfe - Drachen töten und die Prinzessin erringen. Der Stier aber verlässt ihn, steigt zum Himmel hinauf und ist seither als Sternbild Stier dort zu sehen.

Geheimnis gelüftet!

Doch dann! Endlich wurde das Geheimnis um die Schatzkiste gelöst. Gross war deshalb die Freude. Ohhh! Zum Vorschein kamen lauter Sternenkerzen. Nun durften die Kinder zum aufgestellten Tischchen kommen und je eine Kerze auf das schwarze Tuch legen. Auch die Erwachsenen wurden dazu aufgefordert. Noch brannten die Lichter aber nicht. Dazu brauchte es erst noch eine weitere Geschichte.


Kluger König

Auch Erwachsene können von Märchen etwas für ihr eigenes Leben lernen. Das zeigt die Geschichte «Das Licht» ganz deutlich. Ein König spürte, dass er langsam ins Alter komme und wollte deshalb seine Nachfolge regeln. Er machte dies auch richtig klug. Er schenkte seinen beiden Söhnen je eine Silbermünze mit der Aufforderung, bis zum Abend die Halle im Schloss mit etwas ganz Besonderem zu füllen. Hier zeigte es sich, dass nicht immer die erstbeste Idee zum Ziel führt, denn der König war ein weiser Mann und wollte sicher sein, dass sein Nachfolger ein Gespür für das Wesentliche habe. Der ältere Sohn machte nicht lange, liess die Halle mit Rohrzucker derart füllen, dass «nicht einmal ein Wurm» mehr Platz darin gefunden hätte. Der jüngere Sohn jedoch brachte mit einem einfachen Licht die grosse Halle zum Strahlen. Da wusste der Vater, dass dies der richtige Nachfolger sein werde.

Darauf wurden die Kinder samt ihrer Begleitung ermuntert, nun doch dieses Licht auch in der Bibliothek leuchten zu lassen. Mutige Kinder zündeten eine Sternenkerze selber an, andere schauten Mama zu – am Schluss leuchtete es auf dem Tisch wie an einem Sternenhimmel.

Läuterung

Die Geschichte vom Sternenknaben enthält von allem Märchenhaften etwas. Da fällt einem armen Mann ein Stern vom Himmel, welcher sich als ein Kleinkind entpuppt. Er nimmt es mit nach Hause, denn in den Windeln hat er Gold gefunden. Das kann sicher helfen, die Familie besser durchzubringen. Doch als der Knabe grösser wird, erweist er sich trotz äusserlicher Schönheit als ein wahres Ungeheuer. Er verspottet alles, nimmt nirgends Rücksicht, bis... Ja, bis eines Tages eine alte, wirklich hässliche Frau behauptete, er sei ihr Sohn. Doch er verhöhnte sie, denn diese Frau trug nichts als Lumpen. Als ihm danach seine Kumpel begegneten, liefen diese laut schreiend davon. Ein Blick in ein ruhiges Gewässer zeigte ihm den Grund: Er trug jetzt einen hässlichen Krötenkopf. Nun begann für ihn ein Leidensweg. Er musste etliche schwierige Entscheidungen treffen, wurde dabei aber immer menschlicher und grosszügiger. Und wie es sich für ein rechtes Märchen gehört, gab es am Schluss ein Happyend mit einer königlichen Hochzeit.

Beschenkte Zuhörerschaft

Kurzweilig und spannend hatte Huguette Schwager ihre Zuhörerschaft auf eine innere Reise mitgenommen. Beim Märchen vom Sternenknaben riet sie den Kindern, sich doch ganz nahe an Mama zu drücken, sollte es denn gar zu gefährlich werde. Doch sie verspreche, dass die Geschichte gut ausgehe. Da konnte man wahre Felsbrocken von gewissen Kinderherzen herunterplumpsen hören.

Am Schluss durften alle Anwesenden drei Münzen – farbige Schoggitaler – entgegennehmen, als Erinnerung an eine geheimnisvolle Stunde in einer geheimnisvollen Märchenwelt. Die Bibliothek bot dazu den wirklich passenden Rahmen. Und wer weiss, vielleicht war das zwar die erste, aber nicht die letzte Matinee in der Bibliothek...