Dreht man das Rad der Zeit ein halbes Jahrhundert zurück, so war in Bazenheid noch so manches anders als heute. In einem landwirtschaftlich geprägten Dorf wurde beruflich gestrickt. Grosse Industriebetriebe gab es noch nicht. Doch dann entschied sich der Fleischverarbeitungsbetrieb Micarna, in der Ostschweiz 45 Millionen Franken zu investieren und einen zweiten Standort zu eröffnen. Am zehn Jahre zuvor gebauten Hauptsitz im fribourgischen Courtepin war das Unternehmen bereits an die Kapazitätsgrenzen gestossen. Die verkehrsgünstige Lage unweit der zukünftigen Autobahn A1, eine gewachsene Infrastruktur von regionalen Viehzüchtern in der Ostschweiz, ein grosses verfügbares Bauareal und die gesicherte Versorgung mit Frischwasser und Strom gaben den Ausschlag für die Planung des Micarna-Betriebs in Bazenheid.

In der Gemeinde war die Freude gross. Der damalige Gemeindeammann Jakob Schönenberger liess sich im Jahr 1969 wie folgt zitieren: «Mit der Micarna besitzen wir eine krisenfeste Industrie. Sie hat unserer Gemeinde 400 neue Arbeitsplätze gebracht. Durch die Micarna ist Bazenheid zu einem Industriedorf geworden.» Dies hatte auch Auswirkungen auf das Ortsbild. Das Unternehmen baute eine eigene Wohnsiedlung. Im Sommer 1968 wurde mit der Errichtung von drei Wohnblöcken mit 100 Wohnungen begonnen. Vier Jahre später waren an der Spelteriniwiese gar fünf Wohnblöcke mit 160 Wohnungen zu zweieinhalb bis fünfeinhalb Zimmern entstanden. Vor der Fertigstellung waren zum täglichen Transport der Mitarbeiter mehrere Kleinbusse und gar ein Car nötig gewesen. Dies geht aus der Jubiläumsschrift zum 50-jährigen Bestehen der Micarna hervor.

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Aus den Anfängen der Micarna: Portierhaus, Verwaltungsgebäude, Fabrikation und Spedition.

Mit Bündeln von Tausendernoten auf den Markt
Interessant ist auch, wie sich die Anforderungen an die Hygiene innerhalb eines halben Jahrhunderts gewandelt haben. Bis in die 1980er-Jahre wurden Bärte in Zusammenhang mit Hygiene in der Produktion kaum beachtet. Und selbst bei sommerlich hohen Temperaturen war Rauchen in schwierig zu klimatisierenden Gebäuden eine Selbstverständlichkeit. «Ordnung + Reinlichkeit = Qualität», so das Motto damals. Als die Weltgesundheitsorganisation WHO im Jahr 1976 ein Merkblatt zur Verarbeitung tiefgekühlter Lebensmittel kreiert hatte, wurden auch in Bazenheid Massnahmen ergriffen und Labore eingerichtet. In diesen gab es vor allem Stichproben bei Mettwurst- und Brühwurstbrät. Später wurden die Qualitätskontrollen auf die systematische Überprüfung der Roh-, Halb- und Fertigprodukte ausgedehnt.

Die Vieheinkäufer der Micarna waren früher ganz besonders gefordert. Unternehmensleiter Albert Baumann erinnert sich zurück: «Sie sind damals mit fünf Zentimeter dicken Bündeln an Tausendernoten in ihrer Brusttasche auf die Märkte gegangen und haben damit das Vieh bezahlt. Da habe ich mir Gedanken gemacht. Denn wenn jemand so auf den Markt kommt, ist das Geld schnell weg. Und eventuell liegt dann auch der Viehhändler am Boden.» Darum wurde eingeführt, dass die Bauern, welche der Micarna Kälber verkauften, gegen Vorlage eines Wiegescheins bei der Bank ihr Geld bekamen.

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In den ersten Jahren hatte die Micarna noch keine "grosse" Nachbarn - mal abgesehen der katholischen Kirche.

Neue Proteinquellen erschliessen
Heute arbeiten in der Micarna Bazenheid 725 Mitarbeiter – über 600 mehr als bei der Eröffnung vor einem halben Jahrhundert. Viele von ihnen sind Ausländer, was dem Dorf den Übernamen Bazedonien eingebracht hat. «Ein so grosses Unternehmen wie die Micarna trägt auch massgeblich zur Integration von Menschen aus verschiedenen Kulturen und Ländern in der Gemeinde bei. Bazenheid ist unser Zuhause. Wir führen eine eigene Kindertagesstätte und es gibt einen Sportclub», sagt Unternehmensleiter Baumann. Als eine der grossen Herausforderungen für die Zukunft sieht er den Spagat zwischen steigenden Kosten und ins Ausland abwandernde Kunden. Baumann geht davon aus, dass die Themen Nachhaltigkeit und Transparenz künftig noch wichtiger werden. «In diesem Bereich wird gerade das Denken in Kreisläufen immer zentraler. Und wir müssen uns mit der Frage der Ernährungssicherheit der Weltbevölkerung auseinandersetzen. Die Weltbevölkerung wächst. Sie kann langfristig nicht mit unseren bestehenden Nahrungsmitteln ernährt werden. Wir brauchen andere Proteinquellen wie beispielsweise Insekten.»