Funda Akkus, Oberärztin am Ambulatorium Wil und Leiterin Sprechstunde Frühpsychose sprach am bereits dritten Referat am Montag im diesjährigen Herbstzyklus, über die Erhaltung der psychischen Gesundheit. Gemäss WHO verstehe man unter psychischer Gesundheit einen Zustand des Wohlbefindens. Psychisch gesunde Menschen seien fähig, normale, alltägliche Belastungen im Leben zu bewältigen, produktiv zu arbeiten sowie zwischenmenschliche Beziehungen zu pflegen. Doch wie bringen Menschen es fertig, sich ein ganzes Leben wischen den Polen von gesund und krank zu bewegen und auch in Zeiten von Krisen psychisch gesund zu bleiben? Zu dieser grossen Frage lieferte die Psychiaterin sehr spannende Erkenntnisse.

Zwischen den Polen

Unsere Gesundheit sei nicht als steter Zustand zu verstehen, sondern als dynamischer Lebensprozess, sagte Funda Akkus vor gut 35 Interessierten. Belastungsfaktoren und Ressourcen stehen dabei in einer Wechselwirkung zueinander. Je nach Lebenssituation bewegen wir uns entweder näher am einen oder anderen Pol. Der Gesundheitswissenschaftler Aaron Antonovsky ging davon aus, dass Stressoren im Leben allgegenwärtig und daher auch nicht völlig zu verhindern seien. Man wisse aber, dass Menschen, die in der Kindheit, Jugend oder im frühen Erwachsenenleben gelernt haben Stresssituationen gut zu bewältigen und daher positive Lebenserfahrungen sammeln konnten, eine stärkere Orientierung im Leben entwickeln und weitere Stressoren besser bewältigen.

Auch genetische Faktoren spielen mit

Unsere Gesundheit stütze sich auf ein biopsychosoziales Modell das in einer Wechselwirkung von persönlichen Lebensstilen, individuellen Verhaltensmustern, genetischer und familiärer Veranlagung und sozioökonomischen Faktoren, das heisst, Stressoren besteht, sagt Funda Akkus. Zudem müssen auch genetische Faktoren wie vorgeburtliche oder während der Kindheit erworbene Schädigungen berücksichtigt werden. Auch im späteren Leben können kritische, individuelle Lebensereignisse wie Kriegserlebnisse, Drogen, Traumata oder sexueller Missbrauch die Bewältigungsmöglichkeiten überfordern und das Risiko zu erkranken erhöhen. Zudem können chronische Belastungen wie Verlust, Trennung, berufliche Überforderung, Krankheiten und erlebte Gefahren die Rückkehr in ein stabiles Gleichgewicht beeinflussen.

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Vom Stresskreislauf zum Teufelskreis

Stress werde vom Gehirn wahrgenommen und gesteuert, welches auch für die subjektive Stresswahrnehmung zuständig sei. Chronischer Stress, das heisst, wenn ständig Cortisol und Adrealin ausgeschüttet werden führe dies zu Krankheiten wie Diabetes Typ 2, Adipositas, Immunschwäche, Bluthochdruck, Atherosklerose und andere Herzerkrankungen. Umgekehrt können körperliche Erkrankungen die psychische Gesundheit beeinträchtigen. Es bestehe somit eine wechselseitige Abhängigkeit des physischen, psychischen und sozialen Wohlbefindens, so die Ärztin. Dabei spreche man vom Stresskreislauf, oder wie er von vielen auch genannt wird, dem Teufelskreis. Ein Problem ziehe das nächste an sich. Gedanken, Gefühle, der Köper und das Verhalten seien nicht im Gleichklang und der Mensch fühle sich auf allen Ebenen unwohl.

Menschen brauchen Menschen

Damit wir Menschen psychisch gesund bleiben, rät Funda Akkus, die sozialen zwischenmenschlichen Kontakte zu pflegen. Jede Form von menschlicher Zuwendung stärke die psychische Widerstandsfähigkeit. Stabile, liebende und unterstützende Zuwendungen, intakte Partnerschaften, der Zusammenhalt in Gruppen helfen Stressfaktoren abzufedern. Eine chronische Einsamkeit gefährde die Gesundheit. «Menschen brauchen Menschen», ist Akkus überzeugt. Hingegen sei es ganz wichtig, dass Mobbing in Schulen und Arbeitsplätzen sofort gestoppt werden. Fortwährende Demütigungen und Ausgrenzungen machen krank. So seien beispielsweise Migranten und Flüchtlinge, die auch durch den Verlust des kulturellen Kontexts und durch Erleben von sozialer Bedrohung mehrfach gefährdet, psychisch krank zu werden.

Lieber zu Hause kochen

Die Referentin riet zu körperlicher Aktivität. Die positiven Signale der Botenstoffe gelangen von den Muskeln ins Gehirn und andere Organe und mindern den Stress und die depressiven und ängstlichen Beschwerden nehmen ab. Dazu verbessere eine mediterrane Ernährung depressive Symptome. Sie rief die Anwesenden auf, zu Hause zu kochen und viel Obst, Gemüse, Nüsse, Beeren und wenig Fleisch zu essen. Schokolade versüsse wohl den Moment, helfe den Stress aber nicht zu bewältigen. Verschiedene Studien belegen, dass auf einen regelmässigen Schlaf-Wach-Rhythmus zu achten sei. Aktiv sein am Tag und und regelmässige Ruhe in der Nacht wirke sich überaus positiv auf die Psyche und den Körper aus.

Ein persönliches Ziel verfolgen

Sie rät zu kreativen Tätigkeiten wie malen und musizieren, kochen, gestalten und gärtnern. Konsequentes Verfolgen von persönlichen Zielen und das Einhalten von täglichen Routinen seien sehr wichtig. «Wer es schafft, achtsam präsent zu sein, sich vollkommen im Moment zu verbinden kann seine negativen Gedanken relativieren», erklärte die Psychiaterin. Spaziergänge in der Natur, die Fähigkeit, sich an den kleinen Dingen des Alltags zu erfreuen und geistig und körperlich lebendig zu bleiben helfen mit, gesund zu bleiben. Leute, die klare Ziele haben, seien widerstandsfähiger als planlose Menschen. «Bleiben Sie neugierig und offen für Neues, scheuen Sie sich nicht vor dem lebenslangen Lernen, dann bleiben Sie gesund».

Die Veranstaltung wurde aufgezeichnet und ist hier abrufbar.