Der Konzertzyklus garantiert seit 1964 hochstehenden Musikgenuss. Diesmal machte bereits der Titel des Konzerts neugierig: MUSIKALISCHE SITTEN UND UNSITTEN. In einer vergnüglichen Konzertstunde erläuterte Trio-Sprecherin und Cellistin Silvia Halter, was es mit diesem Titel auf sich habe. Das Publikum liess sich gerne darauf ein und genoss das hochstehende, professionell und mit grosser Spielfreude dargebotene Konzert in vollen Zügen. Lohn für die „Mühe“ war eine „Standing Ovation“ mit tosendem Applaus.Sitte oder Unsitte?
Es kann gut sein, dass, was einmal Sitte war, plötzlich zur Unsitte wird – oder umgekehrt. In der klassischen Musik war es beispielsweise lange verpönt, Elemente aus der „unsittlichen“ Volksmusik zu übernehmen. Doch dann hat doch irgendwann der eine oder andere Komponist gewagt, solche Rhythmen, Spielarten und auch Besetzungen in seine Werke aufzunehmen, so beispielsweise Johannes Brahms mit den Ungarischen Tänzen oder Béla Bartók, welcher auch im Konzertprogramm mit zwei Rumänischen Volkstänzen vertreten war. Man denke auch an lange nicht geduldete Instrumente und Rhythmen im kirchlichen Bereich, so etwa an Schlagzeug oder auch Jazz-Einflüsse. Heute sieht man das entspannter, aber ein gewisser Widerstand gegen unübliche Harmonien oder instrumentale Besetzung oder auch Neuinterpretierungen ist doch in manchen eher konservativen Kreisen noch immer vorhanden.

Unterhaltsame Moderation
Silvia Halter führte das Publikum mit unterhaltsamen Ausführungen durch das Programm und erzählte mit leichtem Augenzwinkern die eine oder andere hübsche Anekdote. Die Cellistin, in der Mitte des Trios sitzend, baute damit eine Brücke zwischen Publikum und Musikerinnen auf, die von diesem dankbar betreten wurde.

Man hörte Silvia Halter gerne zu, wenn sie in ihrem heimeligen Berner Dialekt auf Kuriositäten hinwies, etwa die Tatsache, dass es früher in der Oper Sitte war, zu kommen und zu gehen, grad wie es einem passte, und dabei möglichst noch zu plaudern und zu essen. So etwas ist heute unvorstellbar, diese Un-Sitte hat sich unterdessen in die Festzelte verschoben, was vor allem dort auftretenden Chören das Leben oft schwer macht.

…sogar etwas Schweizer Geschichte…
Wer sich in der Schweizer Geschichte etwas auskennt, hat vermutlich bereits einmal gehört, dass es den eidgenössischen Söldnern in fürstlichen Diensten in Italien oder anderswo bei hoher Strafe verboten war, alpenländische Lieder mit Heimwehfaktor zu singen. Denn kaum habe jemand so ein Lied jeweils angestimmt, wären die Söldner gleich scharenweise desertiert, weil das Heimweh stärker als die Treue zu den „Arbeitgebern“ gewesen sei.

Eine etwas andere Instrumentierung
Weil eine der drei „Sorelle“, Rebekka Halter, ihr zweites Kind erwartet, sprang Violonistin Muriel Gabathuler für diese ein. Normalerweise ist das Trio mit Oboe, Cello, Alphorn und Waldhorn auf den Musikbühnen unterwegs. Brigitte Halter spielt Waldhorn und Alphorn. Sie entlockte dem Waldhorn einen satten, alphornähnlichen Klang und setzte sich damit ins Szene, ohne die andern Stimmen auf unangenehme Art zu übertönen. blies aber auch ins Alphorn, virtuos und mit erstaunlichem Atemvolumen. Sie ist übrigens an der Musikschule Wil als Horn- und Alphorn-Musiklehrerin tätig – der Bezug zur Region also auch hier vorhanden.

Silvia Halter freute sich in ihren Dankesworten am Schluss des Konzertes darüber, dass die Zusammenarbeit mit einer Geigenspielerin für sie und ihre Schwester sehr bereichernd sei. Gerade zu den von Zigeunermusik inspirierten Stücken passte das klare, luftige Geigenspiel denn auch wunderbar. Sie dankte zudem ganz besonders ihrer Mutter Beatrice Halter, die alle Stücke für diese spezielle Instrumentierung neu arrangiert hatte.

Kunterbuntes Programm
Die drei Frauen hatten sich für ein Programm mit grosser Spannweite entschieden, und zwar sowohl in der Zeit-Epoche wie auch der Art der Musik. Auf das eingängige, sehr bekannte Allegro aus dem Divertimento KV 136 von Wolfgang Amadeus folgte ein rasanter Syrtos, eigentlich eine Tanzform aus Griechenland, hier aber aus der Türkei, in welchem das bekannte Lied C.A.F.F.E.E. über den Kaffee, den man besser nicht in rauen Mengen trinken solle, eingewoben war, sehr zum Vergnügen der Spielerinnen – und des Publikums.

Klezmer-Musik fehlte ebenso wenig wie „einheimisches Gewächs“, so das Appenzeller- oder Toggenburgerlied „Gang ruef de Bruune“ mit den herzerwärmenden „Sennele-hoahoa…“ oder ein Muotataler Naturjuz, selbstverständlich ebenfalls instrumental dargeboten. Und wer hätte gedacht, dass man den GEFANGENENCHOR aus NABUCCO mit nur drei Instrumenten spielen könnte, ist man sich doch an die grossartigen Chöre gewöhnt, die hier sonst Hühnerhaut erzeugen?

Argentinien mit Zamba…
Am Schluss des Konzertes spielten die drei Vollblutmusikerinnen zwei Tanzweisen aus dem südamerikanischen Raum, aus Argentinien. Diese Art Musik ist ganz besonders von vielen verschiedenen Musikstilen und Volkskulturen beeinflusst worden. Indianische, afrikanische und auch europäische Wurzeln vereinigen sich hier zu mitreissenden Tanzstücken, wie der „Zamba de Vargas“ bewies. Auch hier wurde aus einer „Unsitte“ eine allseits anerkannte Musikform. Der melancholisch verklingende Schluss liess ein wenig Fatalismus und Weltschmerz erahnen.

…und natürlich Tango!
Mit dem sehr bekannten Tango „La Cumparsita“ verwöhnte das Trio das Henauer Publikum nochmals. Die Violine trumpfte hier luftig, neckisch auf, das Cello unterstrich den doch sehr klar vorgegebenen Tangorhythmus und Brigitte Halter verstärkte mit ihrem kraftvollen Spiel auf dem Waldhorn den Raum mit rhythmischen Impulsen, sodass man das üblicherweise hier vorherrschende Akkordeon nur ganz leise vermisste . Nach diesem energiegeladenen Konzertschluss wurde lautstark eine Zugabe gefordert. Mit einer ungarisch-jiddischen Volksweise gab das Trio dem Drängen der Zuhörerschaft nach, spielte sich nochmals in einen wahren Spielrausch, dass man fast Angst bekam, hier könne nie mehr gestoppt werden, so sehr steigerte sich das Tempo. Aber auch hier fand das Trio, wie schon bei vielen Stücken vorher, einen überraschenden Schluss.

Zufrieden verliessen die begeisterten Zuhörerinnen und Zuhörer darauf die Henauer Kirche. Für eine gute Stunde hatten sie die Welt und ihre Sorgen völlig vergessen können…


Konzertzyklus Uzwil

Trio Sorelle

Brigitte Halter

Silvia Halter

Muriel Gabathuler

Das Allegretto alla Turca kann auch so interpretiert werden, wie das Bodo Wartke auf unnachahmliche Weise tut

Bodo Wartke mit Allegretto alla Turca

Ein Ohr voll Klezmer-Musik

La Cumparsita - zum Nachhören