Am ersten Abend der dreiteiligen Vortragsreihe hatte Dr. Jeannette Behringer über das Wesen von solchen Falschmeldungen und deren Einfluss auf die Demokratie informiert. 

Medizinische «Sagen»

Auch im medizinischen Bereich gibt es unzählige falsche Vorstellungen, die sich manchmal seit Jahrhunderten in den Köpfen halten. Die Wissenschaftlerin betonte, dass sich solche Aussagen mit ständiger Wiederholung derart im Gehirn festsetzen können, dass es grosse Anstrengungen braucht, diese zu überdecken. Der vorherige Präsident der USA behauptete beispielsweise, dass man Desinfektionsmittel spritzen könne, damit man keine Corona-Infektion erwische oder dass UV-Licht eine sichere Verhinderungsmethode sei. Verschiedene Menschen glaubten das, bezahlten ihr uneingeschränktes Vertrauen in diese präsidiale Meinung jedoch mit ihrem Leben. In verschiedenen Ländern gab es solche Todesfälle. Auch das Gurgeln mit Salzwasser oder Essig als Heilmittel gegen Corona gehört zu den widerlegten Vorstellungen.

Falschinformation oder Desinformation

Es ist ein grosser Unterschied, ob eine Information aus Unwissen weitergeleitet oder erzählt wird, oder ob dahinter handfeste Interessen stehen. Weiss man es nicht besser, ist es eine «Falschinformation». Bringt man aber mit Absicht einen Tatbestand verzerrt oder gar völlig aus der Luft gegriffen unter die Leute, ist das eine «Desinformation», heutzutage als «Fake-News» bezeichnet. Dies kann gravierende Folgen haben. 

Woher stammt eine Nachricht?

Viele Menschen bewegen sich oft nur noch in den Sozialen Medien wie Facebook, Twitter, Instagram oder Telegram. Da wird oft unbesehen etwas geteilt, was Falschmeldungen innert kürzester Zeit eine riesige Verbreitung erlaubt. Dabei wäre es wichtig, sich erst über die Herkunft einer solchen Meldung zu informieren. Woher stammt die Aussage? Gibt es zum Thema andere Berichte? Sind die Studien seriös? Wer hat sie gemacht? Wer hat etwas davon, dass diese Nachricht verbreitet wird? Doch so leicht sind Manipulationen und Fälschungen eben nicht immer zu entdecken. Man muss sich zudem auch fragen: «Wer hat die Studie bezahlt?»

Wem kann man trauen?

Zum Glück gibt es verschiedene Plattformen, die Menschen ohne wissenschaftlichen Hintergrund die Arbeit abnehmen. Es gibt das Jahrbuch der Qualitätsmedien, aber auch Fakten-Checker, die verschiedene Studien miteinander vergleichen, Quellen nachlesen, die Absicht der Studie herauszufinden suchen und mit ihrem Resultat für Interessierte eine Entscheidungsgrundlage liefern. Als Einzelperson kann man eine umfassende Abklärung über Herkunft und Wahrheitsgehalt einer Verlautbarung zeitlich und auch fachlich kaum leisten.

Rolle des Wissenschaftsjournalismus

Da immer weniger Menschen Qualitätsnachrichten – Zeitungen, TV-Gebühren, Studien mit Wert – bezahlen wollen, kommen verschiedene Medienhäuser an ihre finanziellen Grenzen. Und wo wird gleich als Erstes gespart? Ganz offensichtlich an der wissenschaftlichen Recherche. Alles muss schnell gehen, ein Teil des Publikums ist schon an die Häppchen der Gratiszeitung «20 minuten» gewöhnt. Lange Hintergrundtexte werden nur noch von besonders Interessierten gelesen. Wissenschaftliche Erkenntnisse brauchen Zeit, dazu sind Doppelblindstudien nötig, welche in Fachzeitschriften veröffentlicht werden. Diese Berichte werden zuerst von 3 Forscherinnen oder Forschern begutachtet, überdacht und miteinander diskutiert. So kann es bis zu zwei Jahren dauern, bis so ein Artikel erscheint. Dabei spielt auch das «Ranking» der Fachzeitschrift – die Einstufung in eine Seriositätsskala – eine Rolle. Genauso ist es bei den Universitäten. Regelmässig erscheinen diese Listen in den Medien.

Beispiel einer Studie

«Geimpfte Kinder sind öfters krank!» wurde irgendwo behauptet. Dazu wurde eine Studie veröffentlicht. Allerdings stutzten verschiedene wissenschaftlich tätige Frauen und Männer, weil nur gerade 666 Kinder dazu befragt und eingeschätzt worden waren. Um eine aussagekräftige Studie zu erhalten, müssten jedoch viel mehr Personen – ob Kinder oder Erwachsene - über einen gewissen Zeitraum befragt, begleitet und beobachtet werden. Anhand dieser Studie zeigte Sabrina Heike Kessler auf, was Kriterien für eine seriöse Untersuchung sind. Wichtig sind gleiche Voraussetzungen. Es ist ein Unterschied, ob Kinder im Homeschooling – mit wenigen Kontakten zu anderen Kindern – befragt werden oder Schulkinder der öffentlichen Schule. Auch das Milieu spielt eine Rolle – und die Weltanschauung der Studienanbieter.

Psychologie

Es scheint zum menschlichen Denken zu gehören, dass man zu komplizierten Vorgängen am liebsten einfache Erklärungen bekommen möchte. Wenn man Unsicherheit und Angst schüren will, hat man mit «Fake-News» leichtes Spiel. Sollte jedoch ein falsches Bild im Kopf durch ein korrektes ersetzt werden, entsteht im Gehirn eine Leerstelle. Diese möchte man möglichst schnell wieder füllen. Man kann aber lernen, mit Unsicherheit besser umzugehen.

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Dann ist man auch weniger empfänglich für Fehlinformationen. So war beispielsweise immer wieder zu hören, Impfungen würden Autismus fördern. Weil viele Kinder um das Alter von zwei Jahren herum gegen verschiedene Krankheiten geimpft werden, gleichzeitig aber auch eine Autismus-Erkrankung erst ungefähr im gleichen Alter festgestellt werden kann, hat mal irgendjemand einen Zusammenhang mit diesen beiden Thematiken hergestellt. Und diese «Erkenntnis» hat sich nun in vielen Köpfen breitgemacht. Sie wurde aber von wissenschaftlichen Studien widerlegt.

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«Debunking»

Wieder so ein Begriff, den man erst erklären muss. Man meint damit den Versuch, eine irrige Meinung durch Fakten widerlegen zu können. Menschen mit ganz klarer Meinung sind in dieser Hinsicht eher schwer zu erreichen. Es gibt aber laut einer seriösen Studie doch immerhin 42 %, die wissenschaftliche Arbeit schätzen. Mit der Covid-Pandemie ist das Vertrauen in die Wissenschaft bei vielen zudem noch gestiegen. Dem Fernsehen – bei uns SRF-Sendern – wird hohe Glaubwürdigkeit zugestanden.

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Diese Informationen helfen, eine gesunde Skepsis gegen unbelegte Behauptungen zu hegen. 

Am dritten Abend vom 22.03.2022 wird der Religionswissenschaftler und Sektenexperte Georg Schmid um 19:30 im evangelischen Kirchgemeindehaus Oberuzwil zum Umgang mit Menschen sprechen, die sich wissenschaftlichen Erkenntnissen verschliessen und nur noch im Kreise von Gleichgesinnten eigene Erklärungen als richtig ansehen. Für solche Leute sind eben wissenschaftliche Ergebnisse «Fake-News»...