In Wil habe schon immer die Schönheit vor Nützlichkeit Vorrang gehabt, schreibt die Historikerin Dr. Magdalen Bless-Grabher und nennt als Beispiele die ansässigen Goldschmiede, Zinngiesser, Glasmaler, Bildschnitzer und Tischler. Sie haben Werke von überdurchschnittlicher Ästhetik geschaffen.

Die Kennerin der Wiler Gesichte hält fest, dass sich die Wiler Bürger gerne aristokratisch gaben und ihre Söhne möglichst in die angesehene örtliche Lateinschule schickten. Das Bildungsniveau war in Wil überdurchschnittlich hoch. Die Fürstäbte als Landes- und Stadtherren ihrerseits hätten lieber mehr Nachwuchs für handwerkliche Berufe gehabt, da dort Mangel herrschte.

Zahlreiche Bräuche im Jahreslauf

Bless-Grabher vermutet, dass die zahlreichen farbenfrohen und verspielten Bräuche und Zeremonien im Jahreslauf die Fantasie und der kreative Ausdruck in Wil von Kindesbeinen an anregten.

So spielte zum Beispiel am Palmsonntag das Kirchenvolk die Bevölkerung Jerusalems.

Vor Ostern war in der St. Nikolauskirche eine grosse dreidimensionale Kulisse, die Golgatha sowie das Grab Christi darstellte, aufgestellt. Die Szenerie wurde von mit Wasser gefüllten farbigen Glaskugeln, die von Kerzen beleuchtet wurden, illuminiert.

An Christi Himmelfahrt schwebte an feinen Seilen eine geschnitzte Christusfigur mit Engeln Richtung Kirchdecke und verschwand dort in einem Loch. Die Szene wurde von Pauken- und Trompetenklängen begleitet.

Durch diese Erfahrungen entwickelte sich ein allgemeiner Sinn für das Musische. Auf diese Weise wurde zugleich die Grundlage für Wil als Kulturstadt geschaffen.

Leben des Heiligen Georg

Von bildnerischen und szenischen Darstellungen im Kirchenjahr zu Theateraufführungen ist die Grenze fliessend. Laut dem Wiler Chronisten Karl J. Ehrat ist 1493 eine erste Darstellung des Lebens der Drachentöters St. Georg in Theaterform nachzuweisen.

Aus den folgenden Jahren sind verschiedene weitere Aufführungen mit biblischen Themen bekannt. Laut Bless-Grabher sind nur in beschränktem Umfang Akten über diese Aufführungen vorhanden, es wurde wenig schriftlich festgehalten. Vor allem geben städtische Rechnungsbücher Auskunft, wenn entsprechende finanzielle Beiträge gesprochen wurden.

Musische Bildung

«Wichtige Impulse für das Theaterleben gingen in der Barockzeit namentlich von der Wiler Lateinschule aus», schreibt Bless-Grabher. An dieser Schule unterrichteten Wiler Geistliche, die zum Teil grossen Wert auf die musikalische sowie rhetorische Bildung legten. Die Schüler – es waren damals nur Knaben zugelassen - führten eine ganze Reihe von Stücken auf, für die sie von der Stadt etwa mit Bratwürsten oder mit Brot und Wein belohnt wurden.

Die Inszenierungen müssen sehr effektvoll gewesen sein, wie die städtischen Auslagen für Beleuchtung vermuten lassen.

Erste Opernaufführungen

Auch zur närrischen Zeit und an Jahrmärkten traten die Burschen als Darsteller auf. 1781 wurde zur Fastnachtszeit erstmals eine «Opera» aufgeführte. Diese Darstellungsform war damals in Nordeuropa neu. Die Proben fanden öfters im Beisein der Wiler Ratsherren statt. Sie wollten sicher sein, dass die Aufführungen nicht Schande über die Stadt bringen würden. Die Inszenierungen kamen beim Publikum gut an. Durch diesen Erfolg kamen weitere «Operas» auf die Bühne.

Theater in der neuen Zeit

Im 18.Jahrhundert wurde die Theaterkultur in Wil unabhängiger von der Lateinschule. Weitere Darsteller kamen hinzu, darunter erstmals auch Frauen.

Am Ende dieses Jahrhunderts war auch die Zeit des Klosterstaates abgelaufen. Auf Geheiss der neuen Obrigkeit durfte einige kirchliche Bräuche und Prozessionen nicht mehr weiter gepflegt werden, sie passten nicht mehr in die aufgeklärte Zeit. Und auch die Lateinschule konnte nicht mehr weiterbestehen; aus ihr wurde die Knabenrealschule.

Historische Stoffe

Trotz eines angeordneten Abbaus an kirchlichen Bräuchen, konnte sich die Lust und Freude am Theaterspielen in Wil in die neue Ära hinüberretten. Aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sind Aufführungen verschiedener Gruppen bekannt. Im Stil der Zeit brachten sie vor allem historische Themen wie etwa «Die Grafen von Toggenburg» auf die Bühne.

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Seit 1877 hat das Musiktheater Wil seine Heimat in der Tonhalle. 

Mitte des 19.Jahrhunderts wurde dann die Theatergesellschaft ins Leben gerufen, die heute Musiktheater Wil heisst und regelmässig anspruchsvolle und aufwändige Produktionen einstudiert.