Frau Hälg, am 8. März wurde der Internationale Tag der Frau begangen, glauben Sie, dass es in der Schweiz noch immer Verbesserungsbedarf in der gesellschaftlichen Stellung von Frauen gibt?

Auf jeden Fall. Grundsätzlich stehen den Frauen fast alle Möglichkeiten offen, wenn auch nicht ganz alle - wie es zum Beispiel in der katholischen Kirche der Fall ist. Trotzdem gibt es strukturelle Hürden, die meist unsichtbar sind bzw. erst in Statistiken sichtbar werden, wenn die Daten dazu denn erhoben werden.

Woran denken Sie dabei konkret?

Viele Hürden stecken auch in unseren Köpfen, bei allen Menschen, nicht nur Frauen, und dies wird uns früh eingepflanzt: «Gegenderte» Spielsachen vermitteln Mädchen und Jungs in jungen Jahren schon, dass es unterschiedliche Erwartungen an und Möglichkeiten für sie gibt. Als Eltern ist es fast unmöglich, ihr Kind dem zu entziehen. Es fängt bei den Spielsachen an, aber findet sich auch bei Büchern, Kleidern oder Zeichentrickfilmen.

Kennen Sie Auswege aus diesen Rollenstereotypen? 

Es gibt Einzelprojekte die sich dem widersetzen, z.B. das Magazin «Kaleio» für Mädchen oder der extrem tolle Spielwarenladen „Müggli“ in Solothurn. Die muss man unbedingt unterstützen. Trotzdem erlebe ich mich in dieser Sache oft als machtlos. Unsere 5-jährige Tochter ist schon sehr beeinflusst davon und fragte mich kürzlich, wieso eigentlich Mädchen lieb seien und Jungs weniger… Sagt ja schon viel!

Was müsste Ihrer Meinung nach gesellschaftlich unternommen werden, um die Situation von Frauen zu verbessern?

Die Themen Aufteilung der Betreuungs- und der Erwerbsarbeit, „Mental load“ etc. sind für mich persönlich gerade sehr aktuell. Es macht natürlich sehr viel Sinn, das in der Partnerschaft anzuschauen, gleichzeitig denke ich aber, dass wir das Thema grösser denken müssen: Es ist nicht artgerecht wie wir leben. Diese extreme Leistungsorientierung, dieses Leben in Kleinfamilien mit einem oder zwei Elternteilen - es ist ein Chrampf für Viele und sobald jemand ausfällt, fehlen zusätzliche Schultern, um die Arbeitslast zu verteilen. Auch für Kinder wäre das Aufwachsen schöner. Für mich liegt sehr viel Wahrheit im afrikanischen Sprichwort «Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind aufwachsen zu lassen».

Wie könnte dies verwirklich werden?

Ich glaube darum, dass wir uns wieder in kleinen Gemeinschaften organisieren sollten. Dafür gibt es sogar schon inspirierende Beispiele („KoDörfer“ in Deutschland, „Urbane Dörfer“ in der Schweiz, Projekte im Umfeld der solidarischen Landwirtschaftsbewegung etc.) Aktuell suche ich selber andere Familien oder Einzelpersonen, die Interesse an der Gründung einer Hausgemeinschaft mit Eigentumswohnungen haben.

Gab es in Ihrem Leben Situationen, in denen Sie sich als Frau diskriminiert gefühlt haben?

Einerseits bin aufgewachsen mit dem Verständnis, dass ich alles werden kann und mir insbesondere auch Führungspositionen offen stehen. Dafür bin ich dankbar. Andererseits habe ich mehr als einmal gehört, dass ich mit meiner emanzipierten Haltung wohl kaum je einen Mann finden werde. Heute weiss ich, dass es davon glücklicherweise viele gibt.

Engagieren Sie sich persönlich in irgendeiner Weise für die Situation von Frauen?

Mich hat immer im Leben schon der Punkt interessiert, an dem Neues entsteht. Mehr und mehr verstärkte sich dabei auch der Fokus auf positiven Wandel und die Fragen: was ist wirklich wichtig? Was treibt uns an? Wohin wollen wir? Was ist zutiefst bereichernd? Dabei denke ich die Rolle der Frau bewusst mit und versuche sichtbar zu machen, wo es behindernde Überzeugungen gibt.

Zur Person:

Daniela Hälg ist in Bronschhofen aufgewachsen und lebt heute mit ihrer Familie in Münchwilen. Die Mutter von zwei Kleinkindern liess sich nach der Matura in Dänemark zur diplomierten Kaospilotin ausbilden. Diese Berufsleute verstehen sich als Leader, im Gegensatz zu Managern. Management bewegt sich auf bekanntem Terrain, Leadership betritt Neuland. Dieses ist per Definition unberechenbarer und es könne auch chaotischer sein, sich darin zu bewegen, sagt Daniela Hälg. Damit muss man umgehen und im Chaos, (dänisch:«Kaos») navigieren können. So entstand der Name «Kaospilot». Nachdem Studium arbeitete Daniela Hälg in verschiedenen Agenturen und Organisationen. Vor einigen Jahren machte sie sich beruflich selbständig.