In Wil verdienten in den vergangenen Jahrhunderten viele Menschen ihren Lebensunterhalt etwa als Gewerbetreibende, als Kunsthandwerker, als Bademeister sowie als Gastwirte; in der regionalen Marktstadt benötigten Händler wie Kunden Verpflegung und Unterkunft. Es überrascht, dass in dieser vom Gewerbe geprägten Kleinstadt bereits früh Bildung eine wichtige Rolle spielte. Bereits am 29. März 1269 wird in einer Urkunde erstmals ein Vorsteher einer Wiler Lateinschule erwähnt. Gemäss der Historikerin Magdalen Bless-Grabherr ist diese Wiler Bildungsstätte die erste bekannte im Gebiet des heutigen Kantons St. Gallen.

Bildung wurde damals noch nicht im heutigen Sinn als Vermittlung von Allgemeinwissen und der Förderung von Fähigkeiten verstanden. Es ging einzig um das Erlernen der Sprache Latein, die auch die Sprache der Kirche war. Bildung war gleichbedeutend mit religiöser Erziehung.

Die Lehrenden hatten keine pädagogische Ausbildung durchlaufen. Die Rute war ein sehr häufig eingesetztes Instrument. Der Schulunterricht sollte die Kinder vor allem befähigen, den Katechismus zu lesen und im Gottesdienst singend und betend mitzuwirken. Schulhäuser gab es noch nicht, in der Regel unterrichteten die Lehrpersonen in ihren Wohnräumen.

Lehrer mussten gut singen können

Die Lehrer waren Kleriker oder auch Laien. Das wichtigste Kriterium für ihre Anstellung war eine schöne Singstimme. Sie mussten mit ihren Schülern täglich in Gottesdiensten singen und sollten ihnen stimmlich ein Vollbild sein. 

Im Weiteren mussten die Schüler gemeinsam für Verstorbene singen und beten. Um auch das Aufführen von geistlichen Schauspielen stand auf dem Schulprogramm. Und auch an Prozessionen liefen sie regelmässig mit. Mit ihren einheitlich blaue Mänteln waren die Lateinschüler leicht erkennbar. 


Zahlreiche Wiler Studenten

Die Kenntnisse von Latein öffnete den Weg zur Welt der Wissenschaft, in der man sich international mündlich und schriftlich in dieser Sprache verständigte. Viele Wiler Lateinschüler studierten in Tübingen, Heidelberg, Erfurt, Leipzig und Wien an den dortigen Universitäten. Die Obrigkeit war darüber mässig erfreut. Dadurch würden zu wenig Kinder in Wil später einen Handwerksberuf ergreifen, argwöhnte sie. Zudem würden sie durch das Studium den ohnehin schmalen Geldbeute der Eltern übermässig beanspruchen.

Willkommene Mädchenbildung

Ab Mitte des 16. Jahrhunderts gab es in Wil auch eine Mädchenschule sowie eine deutschsprachige Schule, die «Ordinärischule» genannt wurde.

Nach der Auflösung des Klosters St. Gallen und der Gründung des Kantons, wurde das Schulwesen neu organisiert. Aus der Knabenschule wurde die Primarschule. Später kam eine Realschule mit einem breiten Fächerangebot hinzu. Diese wurde bis 1920 von der Ortsgemeinde getragen. 

Und die Bildung der Mädchen übernahmen die Nonnen des Klosters St. Katharina. Da damals die Klöster politisch um ihre Existenzberechtigung kämpften mussten, war die Mädchenbildung ein willkommener Nachweis ihrer Nützlichkeit für die Gesellschaft.