In einer steppenartigen Landschaft stehen dicht gedrängt Menschen auf der Ladefläche eines Lastwagens. Ein Mädchen kommt angerannt und stolpert über einen Stein. Weil es stürzt, fährt der Lastwagen ohne das Mädchen ab, wir sehen noch die aufgerissenen Augen derjenigen, die weggefahren werden. Die Szene findet sich im letzte Woche erschienenen Musikvideo zum Song «Get Out» der Wiler Indierock-Band Frantic. In anderen Szenen des animierten Clips ist das Mädchen zu sehen, wie es unter Sternen und in den umliegenden Hügeln sitzend auf eine Stadt blickt oder wie es durch von Soldaten besetzte Häuserschluchten irrt.

«Frantic? Gibt’s die noch?» So reagierte eine Freundin kürzlich beim Mittagessen, als sie vom neuen Musikvideo zu einem alten Song der Band erfuhr. «Get Out» von ihrem 2016er Album «Go Go Go On!» ist seit einer Woche auf Youtube, seither wurde es schon über 8000 Mal angesehen. Als «Lebenszeichen» will Gitarrist und Sänger Michael Sarbach die Veröffentlichung des Clips denn auch verstanden wissen. «Zumindest für unsere 'Bubble', für die Leute, die unsere Musik hören.»

Das ist das Video zu «Get Out»: 

 

Ein Song, der aus dem Rahmen fällt

Kurz vor dem Lockdown hatten Frantic gerade mit den Aufnahmen zum ersten aus einer Reihe von Songs begonnen, die voraussichtlich ab Herbst erscheinen sollen. Auch weil sie während Corona eine Zeit lang nicht mit den Aufnahmen weitermachen konnten, hätten sie stattdessen auch die Produktion des Videos forciert, erzählt Sarbach am Telefon. «So konnte etwas laufen, ohne dass wir uns ständig treffen mussten.»

Bei der Suche nach Künstlern für künftige Musikvideos habe sich dann herauskristallisiert, dass die italienische Animationskünstlerin Sara Soncini einen Clip zu «Get Out» machen könnte. Die Skizzen auf Soncinis Homepage hätten ihm schon seit einiger Zeit gefallen, sagt Sarbach. Mit den verträumten Gitarren und dem elektronischen Feeling beim Beat fällt «Get Out» stilistisch etwas aus dem Rahmen des Albums. Das hat auch damit zu tun, wie der Song entstanden ist – nämlich zuerst mit Synthesizern und Drumcomputer. «Gerade darum wollen wir ihn den Menschen nochmals zeigen. Wir fänden es schade, wenn er vergessen geht», sagt Sarbach. Weil das Lied mit viereinhalb Minuten Spieldauer zu lang für eine Radio-Single ist, habe sich ein Musikvideo als Format angeboten.

«Klassische Bandsongs ohne Firlefanz» 

In seiner Schlichtheit und mit den matten Farben nimmt der Clip die Stimmung des Songs, irgendwo zwischen düster und verträumt, auf. Erzählt wird darin die Geschichte eines Mädchens, dessen schöne Heimatgegend plötzlich Konfliktschauplatz wird. Sarbach, der auch den Text zum Song schrieb, hat sich in seinem Studium unter anderem mit der wirtschaftlichen Transformation in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion befasst und in diesem Rahmen auch die Ukraine und die Halbinsel Krim bereist. Auch wenn es nicht explizit darum geht, sei die Lage im 2014 von Russland annektierten Gebiet und im Osten des Landes sicher in den Songtext eingeflossen, sagt Sarbach. «Es geht allgemein um Krieg und wie es sein könnte für jemand, der nichts dafür kann», so Sarbach.

Die ersten neuen Frantic-Songs sollen im Abstand von jeweils ein paar Monaten im Herbst und Winter erscheinen. Einzeln, als Singles, wie es den aktuellen, von Streaming und Playlists dominierten, Prozessen des Pop-Geschäfts entspricht. Musikalisch knüpfe das neue Material an das letzte Album an, sagt Sarbach. Auch, weil Frantic die Songs wieder im Foodcorner Studio mit dem Produzenten Lukas Speissegger aufnehmen. Sarbach: «Es werden ganz klassische Bandsongs, Singer-Songwriter mit Begleitung – ohne Firlefanz.»