Wie sehr einzelne Gastlokale zu Fixpunkten der Stadtentwicklung werden, zeigt das Beispiel des ehemaligen «Dufour» beim Bleicheplatz exemplarisch. In den letzten Jahren seiner Existenz machte es sich einen Namen als Auftrittsort von Bands mit klagvollem Namen, wie etwa «Angy Burri an the Apaches», «Span» und «Swiss German Jazz Corporation». Die Liegenschaft musste 1985 einem Neubau Platz machen.

Ort für Alternativkultur

Nach seinem Abriss fehlte dem eingefleischten Stammpublikum ein entsprechender Treffpunkt. In jenen jugendbewegten Jahren forderten sie vom Stadtrat die Umnutzung der ehemaligen Brauerei Löwengarten auf dem Bleichplatz als Lokal für Alternativkultur. 

Diesem Begehren wurde nicht entsprochen und die Liegenschaft zurückgebaut. Auch die benachbarten «Stallungen» konnten ebenfalls nicht kulturell genutzt werden, wie diese von jugendlichen Aktivisten gefordert wurde. Nach Protestaufmärschen ergab sich schliesslich mit der Lokremise, dem heutigen Gare de Lion, eine entsprechende Lösung, die seit über 30 Jahren Bestand hat. 

Getrennte Versammlungsorte

Auch die ehemalige Wirtschaft «Schützenhaus» beim Stadtweier steht für gravierende Veränderung in Wil. Als  Ende des 18. Jahrhunderts das Gedankengut der französischen Revolution um sich griff, trafen sich in der Folge in jener Gaststätte die aufrührerischen Wiler, die mit den bestehenden politischen Verhältnissen nicht einverstanden waren. 

Der «Engel» an der Kirchgasse war seinerseits der Versammlungsort der Anhänger der äbtischen Ordnung, wie Willi Olbrich in seinem Buch über die Wiler Gastrogeschichte schreibt.

Zeichen einer neuen Zeit

Nicht nur politische, auch wirtschaftliche Veränderungen manifestierten sich in den Gastlokalen. Als 1856 in Wil das Eisenbahnzeitalter einsetzte, wurde in der Folge das «Hotel Bahnhof Terminus» gebaut. 1959 löst es das weltstädtisch anmutende «Hotel Derby» ab. 

Es war ein deutliches Symbol für den wirtschaftlichen Aufschwung in den Nachkriegsjahren. Heute empfangen im Gebäude verschiedene Fachärzte ihre Patientinnen und Patienten.

Seit der Anfangszeit Bahnzeitalters werden im Bahnhofsgebäude Gäste bewirtet. Heute wird dort vor allem auf Take Away-Angebote gesetzt. Ehemals konnte man im Bahnhofbuffet zwischen einem Restaurant 1. und 2. Klasse wählen; beide wurden unter dem Label «Treffpunkt Wiler-Bär» beworben.

Der stattliche «Konstanzerhof» ist ebenfalls im Zusammenhang mit der Bahn gebaut worden. Die einstigen Hotelzimmer wurden längst in Wohnungen umgewandelt.

Im Bereich des heutigen Stadtsaals spielten Ende des 19. Jahrhunderts im «Neuschöntal» regelmässig verschiedene Musikkapellen auf. Es war ein Ableger der «Hotel Schöntal» an der Oberen Bahnhofstrasse.

Fastnachtstreffs

Bald wird das «Hotel Landhaus» einem Neubau Platz machen. Die vor 140 Jahre errichtete Liegenschaft geht ebenfalls auf den Eisenbahnbau zurück und machte sich früh einen Namen als Unterhaltungslokal, das insbesondere zur Fastnachtszeit viel Publikum anlockte. 

Post inside
 Das «Hotel Landhaus» war einst ein regional bekannter Unterhaltungsbetrieb. 

Legendäre Treffpunkte zur Narrenzeit waren auch das «Speer» und das «Viktoria» an der Johann-Georg-Müllerstrasse. Heute werden an jenem Ort die Kunden eines Discounters respektive einer Bank bedient.

Heute Software-Firma

Die Bahn regte lockte auch die Textilindustrie an. In der Region um den Bahnhof entstanden Stickereilokale, Heimarbeitsbetriebe und auch Fabrikliegenschaften.

Im Zuge dieser Entwicklung eröffneten verschiedene Gastlokale ihre Türen. An der Glärnischstrasse entstand etwa das Restaurant «Italia», das später in «Signal» umbenannt wurde. Wie viele weitere Wiler Gaststätten warb es mit seiner Kegelbahn. 

Auch das ehemalige «Glärnisch» an der Säntisstrasse entstand um 1912 im Zuge der Stickereizeit. Auch die «Frohburg» an der Pestalozzistrassse ist ein Zeuge der Textilepoche. Mittlerweile arbeiten dort Ingenieure einer Software-Firma. 

Das «Blumeneck» seinerseits diente laut Willi Olbrich auch als Betriebskantine der ehemaligen Strumpffabrik Royal. Die Wirtschaft wurde mittlerweile durch eine Geschäftsliegenschaft ersetzt. In ihrem Umfeld werden heute in Gastronomiebetrieben Kebab und Hamburger verkauft.

Braune Gesänge

Als Hitler und seine Anhängerschaft von einer arischen Herrenrasse und einer neuen Weltordnung schwadronierten, johlten an der Unteren Bahnhofstrasse im damaligen «Metropol» Schweizer Nazis ihre irregeleiteten Liedtexte.

Post inside
Die ehemalige «Krone» war einst die gehobenste Unterkunft der Stadt. In ihr nächtigte etwa der Kaiser von Österreich.

Auch rund um die Altstadt hat der Zeitenwandel deutliche Spuren auch in der Gastronomie hinterlassen. In der ehemals bedeutsamen Marktstadt Wil brauchte es Unterkünfte und Verpflegungsstädten für die Händler, entsprechend profitierte die Stadt von Steuereinnahmen aus den Schankbetrieben. 

Post inside
Wil war einst eine bedeutende Marktstadt. Entsprechend war die Dichte an Gaststuben. Foto: wilnet 

Die Altstadt hat längst an Bedeutung als Umschlagplatz für Vieh, Lebensmittel, Garn und weiteren Waren eingebüsst. Eine ganze Reihe von ehemaligen Lokalen, wie beispielweise «Zu den drei Königen», «Zebra», «Engel», «Anker», «Oberer Sternen», «Café Berlinger» und «Krone», sind lediglich noch an ihren Spuren an der Hausfassade als einstige Gastbetriebe zu erkennen. Sie sind Zeugen der einstigen grossen Bedeutung der Gästebewirtung in der Altstadt. Über zwanzig Restaurants und Cafés gab es einst im historischen Stadtkern. Dabei wohnten um 1880 lediglich 3000 Personen in Wil.

Post inside
Seit Jahren ist um die Altstadt ein Trend zur südlich inspirierten Gastronomie festzustellen. (Das Foto entstand vor Corona.)  

Ein Hauch von Mittelmeer

Heutige Altstadt-Lokale veranschaulichen die Ferienerfahrungen der Wilerinnen und Wiler mit südländischen Kulturen. Der Trend zum Mediterranen ist mit dem «El Pincho zum Wilden Mann», dem «Barcelona», dem «La Moka», der «Vinotheka» , dem «Laghetto» und dem «L`Olivier» unübersehbar. Das nicht mehr bestehende «Da Vinci» an der Grabenstrasse machte um 1985 die Premiere in diesem Trend.