Die Ursprünge der heutigen Geschäftsstrasse sind bei Fürstabt Beda Angehrn zu finden. Er gab in Abstimmung mit den Wiler Behörden den Auftrag, eine neue Strasse direkt durch die Stadt zu bauen.

Die Hintergründe waren vor allem strategischer und logistischer Natur, Truppen sollten möglichst ungehindert nach Wil gelangen können. Und im Falle einer Hungersnot sollten die Wiler rasch und ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgt werden. 1777 wurde mit ihrem Bau begonnen.


Zwei Liegenschaften 

Die Entwicklung zur Gewerbestrasse begann im 19. Jahrhundert. «Zu den ersten, die die zukünftigen Möglichkeiten der Lage an der Oberen Bahnhofstrasse erkannten, gehörte der überaus rührige Kreisammann Johann Baptist Müller aus Mosnang», schreibt der Wiler Stadtarchivar Werner Warth in einer Broschüre.

1835 liess er das in Mosnang abgebrochene Schützenhaus in Wil als «Hotel Schöntal» errichten, das auch als Station für den Postkutschenverkehr diente. Das Gasthaus galt als gehobene Lokalität und Unterkunft.

Über das Hotel Schöntal in Wil war in einem Reiseführer – in Originalschreibweise – nachzulesen: «enthält elegante Speise- und Familiensäle, gut meublierte Gastzimmer und Stallungen und Remisen. Deutsche und französische Zeitungen und Zeitschriften sind zur Unterhaltung aufgelegt, Pferde und Wagen zur Verfügung der Reisenden. Die Bedienung ist sehr gut und beobachtet Alles, was auf den Comfort Bezug hat.» 

Ambros Müller, Bruder des Kreisammanns, errichtete 1840 seinerseits das Gasthaus «Freihof» beim heutigen Schwanenkreisel. «Diese zwei Häuser blieben über Jahre hinweg die einzigen Bauten an der Oberen Bahnhofstrasse», schreibt Warth. Erst mit dem Anschluss ans Bahnnetz 1855 setzte zögerlich die Bautätigkeit ein. 1860 standen an der Strasse zehn Wohnhäuser, die von insgesamt 61 Personen bewohnt wurden.

Ehemalige Gärten

Um die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert wandelte sich die Durchgangstrasse allmählich zu einer Geschäftsstrasse, in der Folge reduzierte sich die Wohnfläche. Ab 1910 reiht sich auf beiden Seiten der Strasse Haus an Haus. Heute überrascht, wie breit die Strasse eigentlich angelegt ist. Grund dafür sind die ehemaligen Vorgärten, die für eine grössere Distanz zwischen den Häuserreihen sorgten.


Einzug der Moderne

Die spätere Entwicklung der Oberen Bahnhofstrasse ist mit dem Eisenbahnzeitalter in Wil eng verknüpft. Der historische Stadtkern und die Bahngeleise benötigten eine Verbindung. Als 1855 der erste Zug ab Wil fuhr, lebten rund 1500 Personen in der Stadt, fünfzig Jahre später waren es über 5000 Menschen.

Zwischen 1899 und 1901 erhielt die Obere Bahnhofstrasse elektrische Beleuchtung. Um 1920 wurde sie geteert. Lange Zeit wurde sie auch vom rollenden Verkehr genutzt. Eine reine Fussgängerzone ist sie erst seit September 2000.

Neubauten

Um 1960 setzte ein allgemeiner Wirtschaftsaufschwung ein, der sich auch in der Oberen Bahnhofstrasse zeigte, alte Häuser mussten neuen Gebäuden weichen. 1967 wurde etwa das Hotel «Schöntal» abgebrochen und durch den Centralhof ersetzt. 1970 verschwand die Gaststätte «Rose», sie musste einer Überbauung Platz machen. Es entwickelte sich die heutige Mixtur von Liegenschaften aus verschiedenen Stilepochen.

Verkehr wird zum Problem

Der Strassenverkehr nahm damals allgemein mehr und mehr zu. Er wurde mit der Zeit als eine Belästigung empfunden. Doch verkehrsberuhigende Massnahmen stiessen nicht überall auf Zustimmung. So wurde etwa 1983 der Vorschlag abgelehnt, Schwellen einzubauen. Als Argument wurden ästhetische Bedanken ins Feld geführt.

Begegnungszone

Mit der Zeit fand das Ansinnen, die Einkaufsstrasse zu einer autofreien Zone umzuwandeln, immer mehr Anhänger. Es dauerte allerdings rund zwanzig Jahre, bis aus den ersten Ideen zwischen Schwanenkreisel und Kantonalbank  eine 338 Meter lange Strasse zum Flanieren, Verweilen, Plaudern, Präsentieren, Musizieren und Einkaufen wurde.

Gut zu wissen:

Am Ende der ehemaligen Winterthurerstrasse in Richtung Altstadt musste das Pankratiustor passiert werden; an ihm wurde Wegzoll einkassiert. Die Steinfigur, die ehemals auf diesem Tor thronte ist der Reliquie des heiligen Pankratius in der St. Nikolauskirche nachempfunden. Sie steht heute auf dem Pankratiusbrunnen in der Wiler Altstadt, allerdings als Kopie, da die Originalfigur beschädigt wurde.