Vor einem Jahr ist die neu gestaltete Marienkapelle in der Wiler Stadtkirche vorgestellt worden. Ein Jahr später, wiederum am St. Nikolaustag, ist in dem dem heiligen Nikolaus von Myra geweihten Gotteshaus der Kunstführer zur Wiler Madonna vorgestellt worden. Feierlich, mit Orgelmusik von Marie-Louise Eberhard, fachkundigen Ansprachen und einem interessierten Publikum.

Post inside
Das Autorenteam: Benno Ruckstuhl, Doris Warger und Ruedi Elser. Es fehlt Beat Stutzer.


Unermüdliche Kulturförderer

Stadtpfarrer Roman Giger bekundete seinen Respekt und Dank allen Personen, die sich um den Erhalt der Wiler Madonna und nun auch für die Schaffung des Kunstführers eingesetzt und verdient gemacht haben. In erster Linie erwähnte er Benno Ruckstuhl, Wiler Kulturförderer und bester Kenner der Geschichte von Marienfiguren im Allgemeinen und der Wiler Madonna im Besonderen. Er ist denn auch der Hauptautor des Kunstführers. Als Co- Autoren haben ausserdem Ruedi Elser, Leiter der Thurgauer Denkmalpflege, die Restauratorin Doris Warger und der Kunsthistoriker Beat Stutzer mitgewirkt. Gedruckt wurde der Kunstführer durch die Wiler Firma Meyerhans Druck AG.


«Madonna lebt wieder»

Ihren Standort in der Marienkapelle der Stadtkirche bezeichnete der Stadtpfarrer als angemessen. Es sei nicht darum gegangen, die Figur einfach irgendwo und vor allem nicht museal unterzubringen. Mit dem Platz in der Stadtkirche sei auch der Kult wiedererweckt worden. Täglich pilgerten Menschen mit ihren Anliegen, Sorgen und Nöten zur Marienkapelle. So dass Roman Giger überzeugt feststellte: «Die Wiler Madonna lebt wieder.»

Kein Schauobjekt

Als Co-Autor beschrieb Ruedi Elser das Wesen der Wiler Madonna. Er bezeichnete das geschnitzte Bildwerk als Ikone. Sie sei kein Schauobjekt, also nicht geschaffen, um den Betrachter zu fesseln. Sie wolle nicht bewundert werden. Sie schaue mit einem inneren Blick auf den Betrachter. Genauso solle es der betende Mensch vor ihr tun. Die Verehrung gelte nicht der Ikone, dem Abbild, sondern dem darin vergegenwärtigten Urbild.


Ursprung in Konstantinopel

Die Wiler Madonna gilt als kunstgeschichtliches Denkmal ersten Ranges. Gut 20 wissenschaftlich erforschte Holzskulpturen der romanischen sitzenden Madonna mit dem Kind gibt es in der Schweiz. Die Wiler Madonna (zwischen1160-1180 geschaffen) ist eine der fünf, die vor 1200 datiert werden. Die Holzfigur ist nach dem Vorbild einer Marienikone in einer Kirche in Konstantinopel geschaffen worden.

Von St. Peter zu St. Nikolaus

Die Wiler Madonna ist 1879 in der Beinhauskapelle zu St. Peter, der heutigen Liebfrauenkapelle, in einer zugemauerten Nische aufgefunden worden. Sie wurde als Depositum ins historische Museum St. Gallen gebracht. Als 1909 im Hof zu Wil ein Ortsmuseum entstand, kam sie nach Wil zurück und fand ihren Platz in der Äbtekapelle. Bei der Renovation im Jahre 1964 kam sie in die Stadtkirche. Sie verschwand aber in einem Schaukasten in der Sakristei. Damit war sie dem Kult entzogen und für das Kirchenvolk nicht mehr zugänglich. Auf Initiative von Benno Ruckstuhl wurde 2015 eine Neuplatzierung geprüft und mit der Neugestaltung der Marienkapelle auch umgesetzt. 


In den Mittelpunkt gestellt

Zur Raumgestaltung der neuen Marienkapelle schrieb Ruedi Elser, Leiter der Denkmalpflege im Kanton Thurgau: «Einen stimmungsvollen und würdigen Raum zur Betrachtung und Verehrung der romanischen Wiler Madonna zu schaffen, war uns Herausforderung und Aufgabe. Die neue Gestaltung mit Form, Farbe und Licht vermittelt zwischen der kleinen, wunderbaren Figur und dem im Verhältnis grossen Raum. Der Raum der ehemaligen Taufkapelle wurde von sämtlichen Zutaten befreit. Ein neues Farbkleid schmückt die verputzten Wände und das Gewölbe, sorgfältig gestaltet und gegliedert von der Restauratorin Doris Warger. Im Zentrum des Raumes, sanft beleuchtet vom Kerzenlicht, steht die Madonna in einer neugeschaffenen Struktur, gleichsam einer schützenden Aura.»

Verehrung über Jahrhunderte

Die Wiler Madonna steht seit alters her im Ruf der Wundertätigkeit. Ihre Verehrung war über Jahrhunderte ein wichtiger Bestandteil des religiösen Lebens der Äbtestadt. Mit der Neugestaltung der Seitenkapelle der Stadtkirche St. Nikolaus hat sie einen würdigen Rahmen der Verehrung erhalten, in dem sich Tradition und moderne Kunst zu einer wegweisenden zeitgenössischen Gestaltung verbinden. Und mit dem Kunstführer hat die Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte die Bedeutung der romanischen Figur untermauert, sie kultur- und kunstgeschichtlich eingeordnet und einen Beitrag zum Verständnis der Wiler Geschichte im Allgemeinen geleistet. Ruedi Elser, selber ein Wiler, hat die Grundzüge der Einheimischen so zusammengefasst: «Sie sind fromm, musikalisch und festfreudig.» 

Post inside
In der Einleitung beschreibt der Kunstführer auch die Baugeschichte der Stadtkirche St. Nikolaus. Im Bild die Chorwand, aktuell mit der "Himmelsleiter".