Knecht Ruprecht muss fahren. Nicht etwa, weil der Samichlaus der Chef wäre und der Chef nicht fahren will, der Grund dafür ist weit weltlicherer Natur: Der Samichlaus, oder der Nikolaus, wie er bei der St. Nikolaus-Gruppe Wil genannt werden will, sieht zum Autofahren zu wenig unter seiner Perücke. Mit wehenden Mänteln treten Chlaus Stefan Giezendanner und Ruprecht Urs Kessler am Samstag vor dem ersten Advent aus dem Pfarreizentrum. Es ist grau und kalt. Über die Strasse winken sie noch einer Bekannten zu, dann steigen in einen Van mit verdunkelten Scheiben. Das Ziel des erfahrenen Duos ist der Chlaus-Anlass des Vater-Kind-Fussballs im Wald auf dem Hofberg. Es ist ihr erster Einsatz in dieser Saison, die am Nikolaustag und dem folgenden Samstag ihren Höhepunkt finden wird, wenn in der Altstadt der traditionelle Auszug der Chläuse aus der Kirche St. Nikolaus stattfindet.

Seit fast 30 Jahren ist Giezendanner als Nikolaus unterwegs, die meiste Zeit davon mit Kessler als Ruprecht. Auch als er von 1996 bis 2012 in den USA und in Singapur gearbeitet hat, ist er immer zum Chlausen nach Wil gekommen. Die Tradition, die Freude der Kinder, aber auch die Geselligkeit mit den Kollegen: Das Chlausen sei ihm heilig, sagt Giezendanner. Schon sein älterer Bruder sei Chlaus gewesen und sein Vater habe das «Zötterlen» praktiziert; ein alter Toggenburger Brauch, bei dem in den Tagen vor dem Nikolaustag jeden Morgen Biber in die Fenster gelegt werden. Dann habe man gewusst: Der Chlaus ist unterwegs und sammelt seine Informationen.

Die prächtige Tracht der Bischofschläuse

Im Keller des katholischen Pfarreizentrums stehen die Equipments der Chläuse bereit, fein säuberlich aufgereiht auf Tischen; 14 Mal Bart und Perücke aus Büffelhaar, Leim zum Ankleben, Stola, Gurt, weisse Handschuhe, Mitra und das goldene Buch. Es ist die prächtige Tracht der katholischen Bischofschläuse. Bei der St. Nikolaus-Gruppe Wil seien sie stolz darauf, keine «Migros-Samichläuse» mit rot-weissem Einteiler und Kapuze zu sein, sagt Giezendanner mit einem Augenzwinkern.

An der anderen Wand bieten die Sachen der Ruprechte ein ähnliches Bild. Statt Weiss, Rot und Gold dominieren hier Braun und Schwarz, Jute und Holz statt Samt und Seide. Sack und Fitze gehören auch heute zu einem Ruprecht, auch wenn frechen Kindern nicht mehr mit Abtransport und Hieben gedroht wird. «Die Zeiten der bösen Polterchläuse ist schon lange vorbei», sagt Giezendanner und betont: «Dem trauert auch niemand nach. Wir wollen den Kindern und ihren Familien einfach eine Freude machen.»

Chläuse sind in Wil günstiger als in Zürich

Einige Stockwerke weiter oben sitzen ein paar Chläuse in zivil über einer grossen Karte von Wil und Umgebung, auf der sie mit Nädelchen ihre Routen abstecken. Rund 220 Haushalte haben dieses Jahr einen Nikolaus bestellt, die Auftragslage ist seit Jahren recht konstant. Mit 20 Franken pro Besuch seien die Wiler Chläuse eher günstig, sagt Giezendanner. In Zürich koste ein Chlaus gut viermal mehr.

Qualitativ habe sich da schon mehr verändert. Vieles zum Guten, wie Giezendanner betont. Die Überraschungsbesuche seien weniger geworden, dafür gäbe es heute mehr Familien, die sich zu richtigen kleinen Feiern zusammenschliessen. Das gefällt ihm. Es sei doch toll, wenn nach dem kleinen Buben auch die 20-jährige Tochter der anderen Familie sich zum Empfang von Lob und Tadel aufstellt und vielleicht sogar ein Sprüchlein vorträgt. Demgegenüber seien Vorspiele auf Instrumenten weniger geworden und generell beobachte er im Vergleich zu früher, dass die Eltern mehr Lob als Tadel ins Tadelregister schreiben, das sie für den Nikolaus vor die Haustüre legen.

«Ich wollte nie Chlaus werden»

Auf dem Hofberg angekommen, muss Ruprecht Kessler erstmal ins Unterholz, den Sack mit den Gaben für die Kinder suchen. Er findet sie hinter einer Beige Baumstämme. Wer Nikolaus werden will, muss zuerst drei Jahre Ruprecht gewesen sein, so steht es im Regelwerk der St. Nikolaus-Gruppe. Viele sehen die Zeit im schwarzen Gewand deshalb vor allem als Lehrzeit, während der man sich von «seinem» Chlaus das Chlausen abschaut. Nicht so Urs Kessler. «Ich wollte nie Chlaus werden. Der Ruprecht hat eine völlig eigene Rolle und die gefällt mir.»

Wenig später sitzen die Kinder des Vaki-Fussballs dicht gedrängt in der Waldhütte und lauschen gebannt Giezendanners Version der Nikolaus-Geschichte. Mit lebendigen Gesten und schlagfertigen Sprüchen unterhält er Kinder und Eltern bestens. Den Getadelten gibt er hie und da ein High-Five und bei einem besonders schönen Sprüchlein («Santa Niggi-Näggi will ich nicht hören»), fragt er schelmisch: «Hat das die Mami im Internet gefunden?» Kurz vor Mittag haben alle ihr Urteil empfangen. Bevor es zurück zum Auto und in die Stadt geht, überreicht Kessler allen Kindern einen Grittibänz.

Nach kurzer Nachbesprechung sitzen Nikolaus und Ruprecht wieder im Van. Unter tief hängenden Wolken kommt bald Wil in Sicht. Beim Hof der Familie Fitze steht plötzlich ein Esel auf der Strasse. Giezendanner erzählt von dem einen Mal, als sie mit einem Esel zu einer «Waldchlausete» gegangen seien. Irgendwann habe der Esel einfach keine Lust mehr gehabt und das Ganze im wahrsten Sinn des Worts zum Stehen gebracht. Das kann heute nicht passieren. Knecht Ruprecht weicht aus und fährt weiter.