Die Wiler Altstadt war während langer Zeit von Gastwirten sowie von Händler- und Kleinhandwerkerfamilien bevölkert. Die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte haben sich auch bei den Mietern, bei den Hauseigentümern und bei den Gewerbetreibenden bemerkbar gemacht, ihre Zusammensetzung hat sich verändert. Nun stehen die Ladeninhaber wieder vor einer neuen Herausforderung: dem digitalen Wandel.Historisch gewachsene Quartiere wie die Wiler Altstadt waren einst ein Mikrokosmos, eine Art Schicksalsgemeinschaft im Kleinen. Freudige sowie traurige Ereignisse in den einzelnen Lebensläufen wurden rasch zum Stadtgespräch. Auf vielfältige Weise war der gemeinsame Alltag ineinander verflochten. Man stand nach dem sonntäglichen Gottesdienst auf einen Schwatz zusammen. Und man sass in der Gaststätte beim gemeinsamen Frühschoppen.

Und auch die geschäftlichen Beziehungen waren eng, zerbrach etwa eine Scheibe, war die Werkstatt des Glasers rasch erreichbar. Gegengeschäfte waren üblich. Werktags gab es einen Landjäger aus der nahen Metzgerei, und am Sonntag dampfte ein schmackhafter Braten in der Porzellanplatte.

Redaktor beim Wyler Bote
Die überschaubare Welt in der Altstadt schildert Jacob Lorenz (1883- 1946) in seinen Memorieren, die 1934 erschienen sind. Der aus St. Gallen stammende war vorübergehend Redaktor der Zeitung „Wyler Bote“. Später machte er bei der Bundesverwaltung Karriere, bevor er in Fribourg Professor für Soziologie und Wirtschaftskunde wurde.

Beschaulicher Alltag
Er hatte nach seinem Zuzug eine Wohnung in der Nähe des Hofes gefunden und schilderte seine neue Umgebung: „Und draussen vor dem Haus war ein schöner alter Platz, und waren Lauben mit putzigen, kleinen Läden, niedrigen Büdelein mit Handwerksleuten bevölkert, und mitten auf dem Platze stand ein wunderschönes, prunkvolles altes Herrenhaus.“

Familienanschluss
Weiter schreibt er von seiner Bekanntschaft mit dem Buchbinder Sailer.“ Er hatte einen kleinen Laden und bei ihm kaufte ich meinen Papierbedarf ein. Bald bediente er, bald seine Frau, bald seine Tochter. Ich war keiner, der im Wirtshaus hocken konnte und musste sonst irgendwie Anschluss suchen. Die Leute gefielen mir.“

Behagliche Geborgenheit
„Bald luden sie mich in die Wohnung ein. Oder ich hockte mich auf die Werkbank des langen, mageren, ein wenig gebückten Vaters Sailer und sah ihm zu, wie er Bücher einband. Die Butike ging hinaus auf den Weiher, der zwischen Wilerberg und Stadt liegt. Vorgärten ziehen sanft zu ihm hinunter. Sonne lag in den Fenstern. Dort war gut sein. Und es war auch gut sein oben in der Stube. Die ging auf die Marktgasse hinaus. (…) Da sassen wir zu dritt. Wir führten keine hohen Gespräche und auch keine politischen. Es war ein behagliches Zusammensein und Geborgensein.“

Getrennter Wohn- und Arbeitsplatz
Die Zeiten der Buchbinderfamilie Sailer und ihrer Generation sind vorüber. Längst haben sich in den historischen Gebäuden der Wohn- und der Geschäftsbereich getrennt. Viele Gewerbetreibende haben heute ihr Zuhause in anderen Quartieren oder anderen Gemeinden. Manche Mieter oder Immobilieneigentümer fahren nach St. Gallen oder nach Zürich zur Arbeit.

Veränderte Haushalte
Beim elf Uhr-Geläut steigt heute keine Hausfrau mehr aus dem Ladengeschäft in den ersten Stock, um für die Familie und die Angestellten das Mittagsmahl zu zubereiten. In den Haushalten und Werkstätten gehören heute keine „Dienstmägde“, „Lehrtöchter“ oder „Lehrbuben“ mehr dazu.

Veränderte Angebote
Das Sozialleben in der Altstadt hat sich gewandelt, man ist nur sehr eingeschränkt im gemeinsamen Alltag verbunden. Lebens- und Arbeitsort bilden mittlerweile für wenige Menschen eine Einheit. Wer heute den historischen Kern Wil als Kunde aufsucht, dem steht der Sinn nach dem Besonderen, weniger nach Produkten für den täglichen Bedarf, beispielsweise nach Schmuckunikaten, Einrichtungsgegenständen aus Designerhand sowie nach hochwertigen Fotokarten. Wie gehen Ladeninhaberinnen mit diesen veränderten Umständen um? Nachfolgend zwei beispielhafte Erfahrungen.

Qualität statt Schnäppchen
Claudia Niederer, Inhaberin von Nidiwear, einem Fachgeschäft für Berufs- und Freizeitkleidung an der Marktgasse, wird vor allem von Stammkundschaft frequentiert. „Zu mir kommen Kunden, die grossen Wert auf Kleidung legen, die ökologisch und sozial verträglich sowie nachhaltig produziert wurden.“ Sie sind bereit für hochwertige Produkte etwas höhere Preise zu akzeptieren, dafür sind sie auch länger haltbar. „Zufriedene Kunden empfehlen mich weiter, unzufriedene sehe ich nie wieder.“

Claudia Niederer betont, dass ihr die Begegnung mit Menschen wichtig sei. Viel Umsatz durch regen Kundenverkehr ist nicht ihr Ziel. „Meine Kunden schätzen es, wenn sie mit dem Namen angesprochen werden.“ Oft gehen die Dialoge mit ihnen über ein reines Verkaufsgespräch hinaus. „Gelegentlich wird auch über persönliche und über familiäre Themen gesprochen.“

Hintergrund muss stimmen
Auch Christina Braig, Inhaberin des Teehaus Wil, fällt auf, dass ihre Kunden grossen Wert auf den Verkaufsprozess legen. „Sie wollen ein spezielles Einkaufserlebnis und auch ein Produkt mit dem sie sich voll und ganz identifizieren können.“ Sie stellen Ansprüche an die Nachhaltigkeit, legen Wert auf Fairtrade und interessieren sich auch für die Geschichte hinter dem Tee oder der Teekanne.

www bringt neue Kunden
Auch wenn heute oft beklagt wird, der digitale Handel schade den herkömmlichen Verkaufsgeschäften, zeigt sich im Gespräch mit den beiden Frauen, dass ein Teil der Kundschaft ihre Einkäufe bewusst nicht bequem in den Online-Shops erledigen wollen.

Christina Braig hat mehrfach erlebt, dass Kunden gar übers World Wide Web überhaupt auf ihr Geschäft aufmerksam geworden sind. So gesehen kann das Internet sogar den Handel in der Altstadt weiter beleben und neue Kunden in die historischen Ladengeschäfte bringen - Einkaufende, die jene zwischenmenschlichen Erfahrungen suchen, die einst die Altstadt prägten.