«Man kann lebhaft begreifen, wenn es den Einwohnern von Wil wie ein Wunder erschien, als die Stuben und die Werkstätten durch das blendend weisse Gaslicht erhellt wurden», schreibt Rudolf Bösch in einer Jubiläumspublikation zur Gasversorgung Wil.

Bösch war langjähriger Werkleiter des 1912 gegründeten Wiler Gaswerks. In ihm wurde in einem aufwändigen Prozess aus Steinkohle Gas gewonnen. Das technische Verfahren dazu wurde um 1800 von den Ingenieuren William Murdoch in England und Philipp Lebon in Frankreich entwickelt.

Gaslicht in Privathaushalten

Ab 1814 erleuchtete Gas in London einen Stadtteil und ab 1816 erhellte es Paris und Berlin. In der Schweiz gingen 1843 in Bern erstmals in die Gaslampen an.

Das 19. Jahrhundert war die Zeit des technischen Fortschritts und der Erfindungen, da war die Gasbeleuchtung ein weiterer innovativer Sprung. «Es mag als Riesenfortschritt betrachte worden sein, als in den grösseren Schweizerstädten die kümmerlichen Öllaternen der Strassenbeleuchtung durch das hellstrahlende Gaslicht ersetzt werden konnten», schreibt Bösch.

Die Strassen Wils wurden damals nachts nicht von Gasflammen erhellt, 1901 war eine erste elektrische Strassenbeleuchtung eingerichtet worden. Für Privathaushalte waren noch keine zweckmässigen Glühlampen erhältlich, so wurden in ihnen Gas als Lichtspender installiert.

Grosse Nachfrage

Laut Bösch wurden die Kosten beim Bau des Wiler Gaswerkes erheblich überschritten. Die Nachfrage nach dem neuen Energieträger war so gross, dass man die Anlage gleich zu Beginn grösser als ursprünglich geplant ausführte. Am 25. November 1912 strömte erstmals die neue Energie durch die Wiler Leitungen.

Ursprünglich diente das Gas lediglich der Lichterzeugung. Bald erwärmte es auch die Speisen: «Auch für Kochzwecke fand das Gas bald grossen Anklang, bei den Hausfrauen, die offenbar das Hantieren mit tränenden Augen am qualmenden Holzherd gerne mit der gerne mit der angenehmeren Tätigkeit am sauberen Gasherd vertauschten», so Werkleiter Bösch.

Massive Verteuerung

Die Freude über den gewonnen Komfort in den Haushalten bekam bald einen Dämpfer: mit Ausbruch des 1.Weltkriegs um 1914 verknappte sich der Kohlenimport. Die Behörden schränkten den Gasbezug ein und der Preise musste massiv angehoben werden; er verdoppelte sich zeitweise um 100 Prozent. In der Not begann man in der Schweiz Kohle abzubauen, obwohl die Bestände gering waren. Zusätzlich wurde auch Holz und Torf zur Gaserzeugung eingesetzt.

In den Zwischenkriegsjahren wurden verschiedene Gemeinden im unteren Toggenburg sowie im Hinterthurgau ans Wiler Gasnetz angeschlossen.

Transport mit eigenen Schiffen

Im 2. Weltkrieg wurde der Nachschub erneut knapp. Die Vereinigung der Schweizer Gaswerke schaffte zwei Transportschiffe an, die Kohle aus den USA in die Schweiz brachten. Bald schon belegte der Bund die Schiffe mit Beschlag. Er nutzte sie um mit ihnen Getreide und weitere lebenswichtige Güter in die Schweiz bringen zu können.

1943 versenkten die britische Luftwaffe das Schweizer Schiff «Maloya» vor Korsika. Die «Calanda» ihrerseits wurde 1953 in Hongkong verschrottet.

Gas aus Stauden

Als keine Kohle mehr auf dem Seeweg transportiert werden konnte, bezogen die Schweizer Gaswerke Braun- und Schieferkohle aus dem Balkan. Doch die Menge war nicht ausreichend, abermals rationierten die Behörden den Gasbezug. Zudem wurden Wurzelstöcke, Stauden, Tannenreisig und Torf in Gas umgewandelt, um den Kohlemangel auszugleichen.

Nach dem Krieg erholte sich die Versorgung langsam wieder. In den folgenden Jahren rüstete man die entsprechenden Anlagen in Wil technisch auf. 1973 wurden sie dann ausser Betrieb gesetzt, fortan strömte importiertes Erdgas durch die Leitungen.