Eines der prägendsten Elemente des Hofplatzes ist der Pankaratiusbrunnen, der seinen Namen einem der Wiler Stadtheiligen verdankt. Doch dessen steinernes Abbild blickte nicht von Anbeginn starr Richtung Marktgasse. Eine andere Figur thronte einst auf der Säule.

Doch von Beginn weg: Das markante Bauwerk ist der älteste Steinbrunnen in der Stadt. Er wurde 1596 vom Steinmetzmeister Fridli Gruber aus Rorschach gebaut. Der achteckige Brunnen soll 18 Schuh breit und 5 ½ Schuh hoch sein, hiess es in der Bestellung. Im Weiteren soll ihn ein Mann, der ein Banner sowie ein Schild mit einem W drauf das Wassergefäss zieren. Diese Figur hiess im Volksmund der «alte Schweizer».

Heiligenfigur zieht um

1842 wurde die Beschaffung eines neuen Brunnens erwogen, weil der Zahn der Zeit ordentlich am ursprünglichen Brunnen genagt hatte. Es entstand damals eine Kontroverse um den Standort. Der Gemeinderat wollte den neuen Brunnen seitlich verschoben platzieren. An einer ausserordentlichen Bürgerversammlung wurde nach längerer Diskussion entschieden, den ursprünglichen Standort beizubehalten. Dann passierte ein Malheur. Bei den Abbrucharbeiten stürze die ursprüngliche Figur vom Sockel und zerbrach.

Wenige Jahre zuvor war das Pankratiustor, das am oberen Ende der heutigen Oberen Bahnhofstrasse stand, abgebrochen. Der Heilige, der als Steinfigur auf ihm thronte, zog auf den Hofplatz um und gab gleichzeitig seinem Standort einen neuen Namen. Heute steht nicht mehr das Original auf dem Brunnen. Dieses war bröcklig geworden. 1922 wurde eine Kopie angefertigt. Bei dieser Gelegenheit wurden auch die Bärenköpfe an den Brunnenröhren angebracht. 

Plattform für viele Zwecke

Der Hofplatz erweist sich bis heute als städtebaulicher Glücksfall. Denn er bietet eine perfekte Plattform für unterschiedlichste gesellschaftliche Veranstaltungen: ob der Empfang von Karin Keller-Sutter als frisch gewählte Bundesrätin, das alljährliche Monsterguggenkonzert, der Frauenfelder Militärwettmarsch sowie das Adventsingen. Für die unterschiedlichsten Events bietet der Hofplatz die passende Plattform, sozusagen die Bühne des städtischen Lebens. Er ist so etwas wie das Herz der Äbtestadt. Deutliches Indiz dafür ist die alljährliche Verlesung der fastnächtlichen Bulle am Gümpelimittwoch. Dort wird den Mächtigen, den Aufstreben und den Pechvögeln der Stadt der Narrenspiegel vorgehalten. In der Bulle vorzukommen, sei eine Ehre, heisst es in ihrem traditionellen Schlussvers. Niemand wird bei diesem alten Brauch erbarmungslos bloss gestellt, vielmehr wird die städtische Gemeinschaft gestärkt. Der wohlwollende närrische Mahnfinger erinnert die Zuhörenden daran, dass an den Schaltstellen der Politik und der Wirtschaft Personen sitzen, die vor menschlichen Unzulänglichkeiten nicht gefeit sind.

Traditioneller Marktplatz

Dass Wil heute einen von schmucken historischen Liegenschaften umsäumten grosszügigen Platz besitzt, geht auf seine Ursprünge zurück. Es war schon früh ein wichtiger Handelsplatz, seit 1301 besass es das Marktrecht. Abt Ulrich Rösch, eine Schlüsselfigur in der Wiler Stadtentwicklung, verschaffte ihm 1472 ein zusätzliches Marktrecht. Die damit verbundenen Steuereinnahmen trugen zur Prosperität von Wil bei. 

Rund um die Handelsfläche in der Oberstadt siedelten sich verschiedene Handwerks- und Dienstleitungsbetriebe sowie Gaststätten an. Weil sie gut von ihrem jeweiligen Gewerbe leben konnten, wird der Hofplatz bis heute auch als <Goldener Boden> bezeichnet.