Es scheint simpel, die Obere Bahnhofstrasse heisst so, weil sie zum Bahnhof führt – aber Moment, eine Bahnhofstrasse kann es nur geben, wenn es auch einen Bahnhof gibt. Doch die Strasse bestand schon, als Wil noch keinen Gleisanschluss hatte. Am 24.März 1856 fuhr zum ersten Mal ein Zug in Wil ein. Was war zuvor?

Vorgärten

Erst ab 1880 erhielt sie den Namen Obere Bahnhofstrasse; die Bewohner und die Gewerbetreibenden der Unteren Bahnhofstrasse verlangten ihrerseits eine Bahnhofstrasse. So musste eine Unterscheidung in Obere und Untere geschaffen werden, um damit Verwechslungen zu vermeiden.


Um die Wende vom 19. ins 20.Jahrhundert wandelte sich die Durchgangstrasse allmählich zu einer Geschäftsstrasse, die Wohnfläche reduzierte sich. Ab 1910 reiht sich auf beiden Seiten der Strasse Haus an Haus. Heute überrascht, wie breit die Strasse angelegt ist, sie erinnert an einen Boulevard. Grund dafür sind die ehemaligen Vorgärten, die für eine erhöhte Distanz zwischen den Häuserreihen sorgten.

In ihren Ursprüngen ist sie eine Landstrasse, die von Gossau nach Winterthur führte. Daher wurde sie ehemals Winterthurerstrasse genannt. Händler, wandernde Handwerksgesellen, Fuhrwerke und weitere Durchziehende benutzten sie.

Eine Strasse ins Wiler Zentrum

Die vormalige Durchgangsstrasse Richtung Winterthur hatte einen etwas anderen Verlauf, sie führte von der Langensteig direkt zur St. Peterkirche. Fürstabt Beda Angehrn gab in Abstimmung mit den Wiler Behörden den Auftrag, eine neue Strasse direkt durch die Stadt zu bauen.

Die Hintergründe waren vor allem strategischer und logistischer Natur, Truppen sollten möglichst ungehindert nach Wil gelangen können. Und im Falle einer Hungersnot sollten die Wiler rasch und ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgt werden. 1777 wurde mit ihrem Bau begonnen.


Einzug der Moderne

Zwischen 1899 und 1901 bekam sie eine elektrische Beleuchtung. Um 1920 wurde sie geteert. Eine reine Fussgängerzone ist sie erst seit September 2000.

Um 1960 setzte ein allgemeiner Wirtschaftsaufschwung ein, der sich auch in der Oberen Bahnhofstrasse zeigte, alte Häuser mussten neuen weichen.

Wil ist Laufe der Jahrzehnte von einer Kleinstadt zu einer regionalen Metropole angewachsen, um 1850 wohnten gerade Mal 1555 Personen in Wil. Zum Vergleich: 2004 waren es 16 902. Seit dem Zusammenschluss mit Bronschhofen (2013) hat sie über 23 000 Einwohner.

Warenhäuser und Kleidershops

Wo heute die Kleiderläden `H&M` sowie `New Yorker` untergebracht sind, stand vormals das Restaurant `zur Neubrücke`. An seiner Stelle entstand ein Warenhaus, das lange mit `Jelmoli` beschriftet war.

Wo heute die Kleidermarke `Esprit` ihre Produkte anbietet, wurde um 1962 ein `Denner`, und benachbart das Kleidergeschäft `Vögele`, das nun `OVS` heisst, gebaut.

Die heutige Liegenschaft `Coop City` besteht 1964, seit es zuvor zu einem Brand im Vorgängerbau `Brockmann` gekommen war. 1967 wurde das Hotel `Schöntal` abgebrochen und durch den Centralhof ersetzt. 1970 verschwand die Gaststätte `Rose`, an seiner Stelle wurde jene Überbauung errichtet, in dem heute unter anderem das `Art`s Pub` untergebracht ist.

Verkehr wird zum Problem

Der Strassenverkehr nahm damals allgemein mehr und mehr zu. Er wurde mit der Zeit als eine Belästigung empfunden. Doch verkehrsberuhigende Massnahmen stiessen nicht überall auf Zustimmung. So wurde etwa 1983 der Vorschlag, Schwellen einzubauen ablehnt. Als Argument wurden ästhetische Bedanken ins Feld geführt.

Mit der Zeit fand das Ansinnen, die Einkaufsstrasse zu einer autofreien Zone umzuwandeln immer mehr Anhänger. Es dauerte allerdings rund zwanzig Jahre, bis aus den ersten Ideen eine 338 Meter lange Strasse, zwischen Schwanenkreisel und Kantonalbank, zum Flanieren, Verweilen, Plaudern, Diskutieren, Präsentieren, Politisieren, Musizieren und Einkaufen wurde.

In anderen Städten spielt sich das öffentliche Leben auf einem grossen Platz ab, Wil seinerseits hat aus einer ehemaligen Durchgangsstrasse eine innerstädtische Begegnungszone geschaffen. Gäbe es sie nicht, würde sie wohl vermisst.

Veranstaltungsreihe diesen Sommer

Unter dem Titel `uf än art wil i` lädt Ohm 41 gemeinsam mit Shopping Wil und Gästen vom 10. Juni bis 08.Juli zu verschiedenen kulturellen Ereignissen ein. Dazu gehören Konzerte, Objektausstellungen, spezielle Führungen sowie gastronomische Angebote. Detailliertes Programm abrufbar unter: https://office4952.wixsite.com/artwilohm41/programm

Am Samstag, 23.06.; Samstag, 30.Juni; Mittwoch, 04.Juli; Donnerstag, 05.Juli wird jeweils um 19.30 Uhr eine theatralische Stadtführung stattfinden, weitere Informationen: https://www.theaterjetzt.ch/shoppingtour/