Das zur Tradition gewordene Konjunktur- und Trendforum Horizonte der St. Galler Kantonalbank lockte rund 300 Gäste in den Wiler Stadtsaal. Fazit der Veranstaltung: Der Schweizer Wirtschaft geht es gut, und auch in der Ostschweiz besteht kein Grund zum Klagen.Nach der Begrüssung der geladenen Kunden der St. Galler Kantonalbank (SGKB) durch Markus Rusch, Niederlassungsleiter der Filiale Wil, stellte Albert Koller, Mitglied der Geschäftsleitung der SGKB, die drei hochkarätigen Referenten Peter Eisenhut, Inhaber und geschäftsführender Partner der auf Wirtschafts- und Politikberatung spezialisierten ecopol ag, Dr. Ludwig Hasler, Philosoph, Publizist, Hochschuldozent und ehemaliges Mitglied der Chefredaktion des „St. Galler Tagblatt“, sowie Regierungsrat Marc Mächler, Vorsteher des Baudepartementes des Kantons St. Gallen vor.

Den Wirtschaftsraum Ostschweiz im Fokus
Peter Eisenhut, von Albert Koller als „Mister Volkswirtschaft der Ostschweiz“ bezeichnet, ist schon seit Jahren ein fester Bestandteil des Forums der SGKB. Er beleuchtete die nationale und internationale Konjunktur mit Zahlen und persönlichen Einschätzungen.

Dabei setzte Eisenhut sich mit einer Reihe von Fragen auseinander: Ist die Erstarkung des Euro nachhaltig? Welche Risiken gilt es bei den grundsätzlich erfreulichen Aussichten zu beachten? Wie entwickelt sich der Arbeitsmarkt? Wie sind die geldpolitischen Entwicklungen zu beurteilen? Der Ökonom setzte sich in seinen Ausführungen ganz besonders mit dem Wirtschaftsraum Ostschweiz auseinander.

Ostschweiz fast durchwegs überdurchschnittlich
Immer wieder wird die Ostschweiz mit Negativmeldungen in den Medien als Landesteil vorgestellt, dessen Wirtschaft sich im Dämmerzustand befinde, wo Überalterung drohe und von Dynamik keine Rede sein könne. Peter Eisenhut widerlegte diese Klischees mit eindrücklichen Zahlen. In Tat und Wahrheit verläuft die Entwicklung der Ostschweizer Wirtschaft dynamischer als im Schweizer Durchschnitt. Das gleiche gilt für die Entwicklung der Exporte in den Jahren seit 2009, die mit Ausnahme der Sparte Chemie/Pharma ausnahmslos den Schweizer Durchschnitt übertreffen.

Auch in Bezug auf die Produktivitätssteigerung steht die Ostschweiz an der Spitze. Nicht zuletzt liegt die Arbeitslosigkeit unter dem Schweizer Durchschnitt. Der Ostschweizer Wirtschaft geht es mit Ausnahme des Detailhandels, der gegen den Online-Handel und den Einkaufstourismus ins benachbarte Ausland zu kämpfen hat, derzeit ausgesprochen gut.

Erwartungen übertroffen
Am Forum vor einem Jahr hatte Peter Eisenhut auf vier Unsicherheitsfaktoren hingewiesen, nämlich auf die Präsidentschaft von Donald Trump in den USA, den Brexit, die Wahlen in den Niederlanden und in Frankreich, wo ein Rechtsrutsch drohte, sowie die Wahlen in Deutschland.

Die Schlagzeilen 2017 fielen schliesslich weit positiver als von ihm damals erwartet aus: «Euroraum erzielt höchstes Wachstum seit 2007!», «Euro liefert Comeback des Jahres!» und «US-Arbeitslosenquote sinkt auf 17-Jahrestief!». Aus dem befürchteten „Patriotischen Frühling“ wurde mit den Wahlen in wichtigen EU-Ländern ein „Europäischer Sommer“, der die Wirtschaft zusätzlich beflügelte.

Euro dürfte stark bleiben
So ist Peter Eisenhut recht optimistisch, dass der für die Schweizer Exportwirtschaft wichtige Euro stark bleiben dürfte, sofern die Konjunktur im Euroraum weiterhin dynamisch bleibt, die Europäische Zentralbank aus der ultraexpansiven Geldpolitik aussteigt, in der Eurozone politische Einigkeit herrscht und es keine Gründe gibt, in sichere Häfen wie die Schweiz mit ihrem Franken zu flüchten.

Das von Peter Eisenhut skizzierte Hauptszenario sieht vor, dass der weltweite Aufschwung auch 2018 anhält, Inflation und Zinsen tief bleiben und die Börsen weiterhin florieren. Ohne Stressfaktoren in der Eurozone hält es der renommierte Ökonom für denkbar, dass der Eurokurs bis auf CHF 1.20 steigen könnte.

Jede Party nimmt einmal ein Ende
Peter Eisenhut präsentierte aber auch ein Alternativszenario: „Jede Party geht einmal zu Ende. Ein Unsicherheitsfaktor sind die steigenden Inflationsängste. Wir sind in meinen Augen schon relativ nahe an diesem Szenario. Anzeichen dafür gibt es nicht zuletzt in Deutschland, wo sich der Arbeitsmarkt vorwärts in die Vergangenheit bewegt und die Forderungen der Gewerkschaften ein gesundes Mass teilweise übersteigen“.

Der zweite Teil des Abends stand unter dem Titel „Ostschweizer Mentalität – Stolperstein oder Standortvorteil?“ Dr. Ludwig Hasler stellte einleitend fest, dass es der Schweiz so gut wie noch nie gehe, dass die gegenwärtig komfortable Situation jedoch auch die Gefahr von Trägheit und Selbstzufriedenheit bergen könne.

„Zwischenräume bieten Chancen“
Der gebürtige Luzerner Dr. Hasler sieht für den Wirtschaftsraum Ostschweiz durchaus Chancen: „Zwischen Metropolitan-Räumen wie Zürich oder München gibt es Zwischenräume, die grosse Vorteile und Chancen bieten. Im Schatten der permanenten Beobachtung der grossen Wirtschaftszentren lässt es sich ganz gut wirtschaften“.

Dr. Hasler ist überzeugt, dass es ein Zwischenraum erlaube, etwas auszuprobieren, ohne dass den Unternehmern ständig auf die Finger geschaut werde. Ausschlaggebend für den zukünftigen Erfolg der Wirtschaft ist für ihn, dass die Ostschweiz den Spagat zwischen Althergebrachtem sowie Bewährtem und Avantgarde-Technologie schaffe.

Menschen machen den Erfolg aus
Der mit der Ostschweiz bestens vertraute Publizist ortet den Erfolg der Ostschweizer Wirtschaft in den Menschen. Er schätzt an den Ostschweizern die Tugenden Zuverlässigkeit, Fleiss, Besonnenheit und Anstand und ist der Meinung, dass den Menschen aus ländlichen Gebieten oft mehr Ehrgeiz und Strebsamkeit entspringe als jenen in einer Grossstadt, wo viele Menschen das Gefühl hätten, jedem Trend nachspringen zu müssen.

Kaum bekannte Vorzeigeunternehmen
„Eine Region, die ihr Selbstbewusstsein höher schrauben will, muss sich bewusst sein, von was sie lebt. Hier orte ich in der Ostschweiz mit ihren zahlreichen Vorzeigeunternehmen ein Problem. Vielen jungen Ostschweizern ist gar nicht bewusst, welche beruflichen Chancen sich ihnen in heimischen Gefilden bieten. Sie wissen viel zu wenig über die Ostschweizer Wirtschaft“, erklärte Dr. Ludwig Hasler abschliessend.

Vermehrt über eigene Stärken reden
Abschliessend kam die Politik zu Wort. Regierungsrat Marc Mächler wurde vom Volkswirtschaftler Peter Eisenhut anhand von Stichworten in die Zange genommen. „Die Ostschweiz hat ein Marketingproblem“, hielt das Mitglied der St. Galler Kantonsregierung fest. „Ich war während 17 Jahren als Banker in Zürich tätig und muss gestehen, dass mir die Zürcher gar nicht so imponiert haben, wie man annehmen könnte.

Wir Ostschweizer sollten vermehrt über unsere Stärken reden und uns in Bern konsequenter einbringen. Wir haben in unserem Kanton Wirtschaft-Champions, die man ausserhalb der Ostschweiz kaum wahrnimmt. Hier besteht Handlungsbedarf“, lautet die Einschätzung von Marc Mächler.

Kantonsregierung als Buhmann
Klare Worte kamen aus dem Mund des Regierungsrates zu den Themen „Bergbahnen im Oberen Toggenburg“ und „Wil-West“. Marc Mächler kann nicht verstehen, dass sich in Wildhaus und Unterwasser zwei benachbarte Bergbahn-Unternehmen ein Duell liefern, während sich immer mehr Skigebiete zu einem einzigen grossen Tarifverbund zusammenschliessen. Auch hier ortet er grossen Handlungsbedarf: „Die St. Galler Regierung ist im Oberen Toggenburg derzeit der Buhmann. Diese Rolle stört uns für einmal nicht“.

„Perle“ Wil-West
Das Entwicklungsprojekt Wil-West ist in den Augen von Marc Mächler einzigartig, weil in dieses gleich zwei Kantone involviert sind. Er zeigt sich deshalb sehr erstaunt, dass die Bevölkerung dieses vorwiegend auf Thurgauer Boden realisierte Projekt zu wenig wahrnehme und die Bedeutung dieser zukunftsorientierten Perle für die Region Wil/Hinterthurgau selbst in Wil nur spärlich erkannte werde.

Networking-Apéro
Der rundum gelungene und sehr informative Anlass endete mit einem Apéro Riche, bei dem sich die Kunden der St. Galler Kantonalbank, darunter viele UnternehmerInnen, austauschen bzw. neue Kontakte knüpfen konnten. Mit einem reichhaltigen Buffet und genügend Stehtischen hat der abschliessende Networking-Apéro seinen Zweck voll erfüllt.