«Wir schaffen es», könnte man den Tenor der Referate an der Generalversammlung beschreiben, welche die IHK St. Gallen-Appenzell im Oberstufenzentrum Thurzelg in Oberbüren durchführte. Zwar wurden die Wirtschafts-, die Finanz- und Steuerpolitik in manchen Bereichen als verfehlt kritisiert, doch vertraut man auf die eigene innovative unternehmerische Kraft. IHK-Direktor Kurt Weigelt: «Digitalisierung und Globalisierung sehen wir als Chance. Wir vertrauen darauf, dass David gegen Goliath gewinnen kann.»Im vergangenen Jahr hat die IHK St.Gallen-Appenzell ihr 550-jähriges Bestehen im Rahmen einer Jubiläums-Generalversammlung in St. Gallen gefeiert. Dieses Jahr hat der Ostschweizer Wirtschaftsverband an der Generalversammlung wieder eine Wirtschaftsregion und ihre Unternehmen präsentiert. Rund 450 Personen aus Wirtschaft und Politik, davon 235 stimmberechtigte IHK-Mitglieder, haben die Generalversammlung in Oberbüren besucht. Gastgebender Verband war die Arbeitgebervereinigung der Region Wil.

Attraktiver Wirtschaftsstandort Wil
Der Wirtschaftsstandort Wil habe ein einmaliges Profil, sagte AGV-Präsident Markus Fust in seiner Begrüssung der grossen Gästeschar. Er verfüge über annähernd 10'000 Arbeitsplätze und biete 500 Lehrstellen an. Die oft zitierte Deindustrialisierung sei Tatsache geworden, beklagte Fust. Bei sinkenden Schülerzahlen werde es immer schwieriger, Lernende für gewerbliche und industrielle Berufe zu finden. Dennoch stecke man den Kopf nicht in den Sand. Markus Fust ist überzeugt, dass die Berufslehre mit ihrem Praxisbezug auch in Zukunft eine hervorragende Grundlage für einen erfolgreichen Berufsweg bildet und dass die Unternehmen mit ihrem Gestaltungswillen in der Lage sind, die aktuellen und künftigen Probleme zu meistern.

Zwei Projekte mit Potenzial
IHK-Präsident Peter Spenger wies in seinem Referat auf zwei Initiativen der IHK und des Kantons St. Gallen hin, von denen er sich eine grosse Wirkung verspricht. Es handelt sich dabei um die Errichtung des Kompetenzzentrums für Medizintechnologie. Hier arbeiten die Empa, das Kantonsspital und Industrieunternehmen zusammen. Mit dem zweiten Projekt, der IT-Bildungsoffensive, soll dem Fachkräftemangel im Informatikbereich entgegengewirkt werden.

Das «Digitale» ist allgegenwärtig
Der Strukturwandel, der durch die Digitalisierung ausgelöst worden sei, beschäftige die IHK wie kein anderes Thema seit Jahren. Und die zunehmende Beschleunigung verunsichere nicht wenige und mache vielen sogar Angst. Erfolgversprechend sei aber nur, sich den Hausforderungen zu stellen. Spenger bezeichnete die Universalmaschine Computer als unvergleichlichen Fortschrittsmotor und als Antrieb für die vierte industrielle Revolution. In der Ära der Digitalisierung werde die Maschine sozusagen erwachsen.

Offener Arbeitsmarkt
Die Schweiz befindet sich nach Ansicht von Peter Spenger bei der Integration von Ausländern in einer vorteilhaften Lage. Sie habe schon vielfach bewiesen, zu welchen ausserordentlichen Integrationsleistungen sie imstande sei. Ein offener Arbeitsmarkt würde den Einbezug von Zuwanderern in den Arbeitsprozess wesentlich erleichtern. Kontraproduktiv sei es, den Arbeitsmarkt im Bereich der niedrigen Qualifikationen immer mehr zu regulieren und kontrollieren.

Ganz generell brauche der Staat den Unternehmen keine Chancen zu verordnen. Er solle vielmehr die Freiheit der Bürger sichern, damit sie ihre Chancen nutzen könnten.

Nicht auf der Stelle treten
Mit einem Weckruf schloss Peter Spenger seine Ausführungen: «Wenn wir unseren Wohlstand sichern wollen, dürfen wir nicht auf der Stelle treten, sondern müssen das System Schweiz generell erneuern. Aber wir verdrängen die wachsende Staatsquote von derzeit unvertretbaren 45 Prozent. Wir versäumen die zwingende Erhöhung des Rentenalters. Und wir lassen die Blockierung wichtiger Freihandelsabkommen durch eine massiv subventionierte Agrarwirtschaft zu.»

Kurz zusammengefasst: Die Schweiz befindet sich nach Ansicht des Präsidenten in einem Reformstau. Die Bereitschaft zur Modernisierung müsste dringend erhöht werden.

«Käufliche Schweiz»
IHK-Direktor Kurt Weigelt kritisierte die ungebührlich hohen Ausgaben von Amtsstellen für die Beeinflussung der öffentlichen Meinung. Diese Finanzströme würden noch überlagert durch «die Totalverwaltung der Gesellschaft». Damit ist das überproportionale Wachstum der Beschäftigung im öffentlichen Sektor gemeint. Diese sei in den letzten 25 Jahren um 65 Prozent gewachsen, fünfmal stärker als die Gesamtbeschäftigung.

Bezogen auf die mächtigen Konkurrenten im Wettbewerb habe die IHK auf dem Papier keine Chance. Nicht so in den Augen von Kurt Weigelt. Er will die Chance nutzen: mit einer wertorientierten Haltung, mit langfristiger Grundlagenarbeit und mit unternehmerischem Handeln.

Betriebe öffneten ihre Türen
Vorgängig der Generalversammlung der Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell haben die Mitglieder einen der sechs regionalen Betriebe besucht: Cleanfix Reinigungssysteme AG, Henau, Aluwag AG, Niederbüren, Aston Martin St. Gallen, Niederwil, Züger Frischkäse AG, Oberbüren, den mobilen Polizei-Stützpunkt Oberbüren und Gorba AG, Oberbüren.