Schulbeginn hüben wie drüben. In den Kantonen St. Gallen und Thurgau sind die Sommerferien vorbei und es wird wieder die Schulbank gedrückt. Am Berufs- und Weiterbildungszentrum Wil-Uzwil (BZWU) startete das Schuljahr 2020/2021 mit einer Neuerung: «KV 4.0» nennt sich die Klasse, welche im ersten Lehrgang aus neun KV-Stiften besteht. Zwei Lehrjahre haben sie bereits hinter sich, das letzte steht noch bevor.

Bevor es aber Richtung Lehrabschlussprüfung geht, wird die Ausbildung nun unterbrochen und es steht für diese neun Schüler ein spezielles Jahr bevor, ein Praxisjahr. Dieses verlängert zwar die Lehrzeit um ein Jahr, bringt den Lernenden aber die Chance, Einblicke in andere Berufe zu erhalten und Sprachen zu lernen. Zehn Wochen lang geht es in ein Praktikum einer anderen Branche oder eines anderen Berufsfeldes. Danach wird elf Wochen lang an einem Praxisprojekt für eine Firma erarbeitet, ehe ein gut viermonatiger Auslandeinsatz im englischen Bournemouth ansteht, so es die Corona-Situation erlaubt. Nach diesem Zwischenjahr kehren die Schüler in ihren angestammten Lehrbetrieb zurück, um das letzte Ausbildungsjahr zu absolvieren.

Im Video: Darum macht Corinne Widmer bei «KV 4.0» mit

 

Start mit einer Kleinklasse

Dies alles geschieht im Rahmen von KV 4.0. Entstanden ist dieses Praxisjahr aus einer Bieridee. Bei der Einweihung eines Raumes am BZWU in Uzwil kam man beim Apéro man auf das Thema «Kaufmännische Lehre» zu sprechen. Diese darbt seit Jahren und Betriebe haben Mühe, die Stellen zu besetzen. «Die Ausbildung muss kreativer werden, die Schüler sollen den Horizont erweitern. Wir wollen damit eine Lanze brechen für die kaufmännische Lehre. Denn es ist eine durchaus attraktive Ausbildung», sagt Urs Thoma, Geschäftsführer des Vereins KV 4.0 und Prorektor des BZWU. Er ergänzt: «Wir haben Typen gesucht.»

Zehn junge KV-Auszubildende haben sich für dieses Praxisjahr interessiert. Neun von ihnen sind am Montagvormittag gestartet. Mindestens Note 4,5 war die Voraussetzung – und eine gut aufgemachte Bewerbung. Für die Schule war es nicht einfach, Teilnehmer für dieses Praxisjahr zu gewinnen. «Wir hatten zwar viele Anfragen. Doch die Schüler hatten dann die Sorge, zu lange allein weg zu sein. Zudem haben auch die Betriebe zurückgezogen, weil sie nicht ein Jahr auf den Lehrling verzichten möchten. Wir sind aber nicht unglücklich, dass es keine 20er-Klasse ist. So können wir in einer eher kleinen Gruppe Erfahrungen sammeln», sagt Urs Thoma. Er hofft auf mehr Resonanz in den kommenden Jahren.


Banken und die Firma Bühler machen mit

Es handelt sich nicht um einen einmaligen Pilot-Versuch, sondern um ein mittelfristig angelegtes Projekt, dass nun jährlich wiederholt werden soll. Es hat Pionier-Charakter, sucht man doch ein ähnliches Angebot im ganzen Land vergebens. Das KV Luzern bietet zwar etwas Ähnliches an. Dort beschränkt sich die Horizont-Erweiterung aber auf zwei Ausland-Aufenthalte.

Für das KV 4.0 konnten mittlerweile 23 Vereinsmitglieder gewonnen werden. Zu den Gründungspartnern gehören drei Banken der Region Wil-Uzwil, die Firma Bühler, die Gemeinde Uzwil und das Amt für Berufsbildung des Kantons St. Gallen.