Der noch bis Ende Juni amtierende Direktor Dr. Daniel Studer führte die interessierten Frauen und Männer kompetent und spannend treppauf, treppab durch seine „Heiligen Hallen“, begleitet von seinem Nachfolger Peter Fux.

Es ist unglaublich, was in diesen Räumen alles lagert. Laut Studer sind es ungefähr 70‘000 Exponate, die in unzähligen Räumen und Archivgestellen lagern, alle inventarisiert und elektronisch erfasst, fotografiert und dokumentiert, eine riesige Arbeit. Das Museum sei eine Art 3D-Archiv, erklärte Studer. In viele Laufmeter langen, beweglichen Archiv-Regalen lagern tausende Zeitzeugen, dank elektronischer Erfassung jederzeit leicht wiederzufinden.


Visionäre Ortsbürger

In St.Gallen waren dank dem Weltruf ihrer Stickerei viele Familien reich geworden. Seit 1859 gibt es in St.Gallen einen Historischen Verein. Die Mitglieder begannen damals wertvolle Gegenstände aus vergangenen Zeiten zu sammeln, sogenanntes „Altertum“. Doch schon um 1900 herum bekam der Verein Platzsorgen, zu viel hatte sich bereits angesammelt. 1878 kam der Verein "Ostschweizerische Geographisch-Commerzielle Gesellschaft" mit dem Schwerpunkt „ethnografische Sammlungen“ dazu. 1917 wurden diese beiden Sammlungen zusammengeführt.

Der Baubeschluss zum Bau eines Museums fand an einem äusserst geschichtsträchtigen Tag statt. Genau am 28. Juni 1914 traten die Ortsbürger der Gemeinde St.Gallen zusammen, um der Nachwelt die Gerätschaften, Bilder und Techniken der damaligen Zeit zu erhalten. Die männliche Form ist hier absolut am Platz, denn die Frauen bekamen in der Schweiz ja erst 1971, also viel, viel später die Möglichkeit, bei solchen Vorhaben mitzureden. Diese Vereinigung hatte in der Stadt grosses Gewicht, etwa vergleichbar mit den Bernburgern. Anfänglich wurden das Kunstmuseum, das Naturmuseum und das Historische und Völkerkundemuseum unter einem Verwaltungsdach geführt. 2012 wurden diese Verbindungen organisatorisch gekappt, das Naturmuseum wurde im Osten der Stadt neu gebaut und das Kunstmuseum auf eigene Füsse gestellt.

Am exakt gleichen Tag fielen im serbischen Sarajewo auch die tödlichen Schüsse auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger der Donaumonarchie, Erzherzog Franz Ferdinand und dessen Frau Sophie Chotek, ihres Zeichens Herzogin von Hohenberg. Dies war Anlass dafür, dass genau einen Monat später mit der Kriegserklärung an Serbien der Erste Weltkrieg ausbrach. Trotz diesen düsteren Aussichten blieben die Ortsbürger ihrem Plan für ein Museum treu. Dieses wurde von 1915 – 1921 im Jugendstil – einer kulturellen Epoche zwischen 1895 und 1921 –  erbaut. Das Haus feiert dieses Jahr deshalb„100 Jahre Historisches und Völkerkundemuseum“.

Aufgabe des Museums

Ein Museum ist eine Art Gedächtnis der Welt, ein Abbild vergangener Zeiten. Man will späteren Generationen Gerätschaften, Werkzeuge, Geschirr, Kleidung oder auch Lebensweise der dokumentierten Zeit zeigen können. Die unzähligen Waffen, die im Estrich des Hauses lagern, zeugen von der Wichtigkeit, die man früher Waffen auch in der Schweiz beimass. Ein Museum ohne Waffenhalle war undenkbar. Das hat sich unterdessen zwar gewandelt, doch die zum Schaudern verführenden Speere, Morgensterne, Hellebarden – vielen bestimmt aus dem Geschichtsunterricht in der Mittelstufe bekannt - und anderen Mordwerkzeuge brauchen auch heute noch ganz viel Platz. Bis 1980 hatte das Museum in St.Gallen sogar eine eigentliche Waffenhalle. Das gehörte bis weit ins 20. Jahrhundert für ein Historisches Museum einfach dazu. 1980 wurde dieser Raum in einen Textilsaal umgewandelt. 2015 wurde allerdings auch dieser aufgegeben. Die Besucherschaft wünscht heute Überraschungen, immer mal wieder etwas Neues.

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Beim Anschauen dieser Mordwerkzeuge kann es einen schon schaudern, doch früher gehörte das zu jedem Museum als wichtiges Ausstellungsgut. 


Völkerkundemuseum

Ein Museum muss aus der Zeit der ausgestellten Gegenstände her betrachtet werden. Im Laufe des letzten Jahrhunderts haben sich die Ansichten gerade im völkerkundlichen Bereich sehr gewandelt. Man mag keine Schrumpfköpfe mehr sehen oder schwarze Menschen, die als ungebildete Almosenempfänger dargestellt werden. Das sei immer eine Gratwanderung, berichtete der Museumsdirektor. Es braucht darum stets eine erklärende Begleitung, damit nichts als rassistisch oder herablassend verstanden werden kann. Im Bereich der Kunst ist auch die Frage nach Raubkunst stets im Hinterkopf dabei. Da ist viel Fachwissen und Fingerspitzengefühl beim Entwerfen von Ausstellungen gefragt.


Herausforderungen

Alte Gegenstände sind vielen Zerfallsmöglichkeiten ausgesetzt. Besonders beachtet werden muss in einem historischen Museum, dass keinerlei Ungeziefer eingeschleppt wird. Viele Exponate sind aus Holz. Die Luftfeuchtigkeit muss stimmen, die Temperatur oft auch, Staub ist beispielsweise für Textilien schädlich, auch auf Lichtquellen muss geachtet werden.

Grosse Vielfalt an Fachkräften

Ein solches Museum braucht die Zusammenarbeit ganz unterschiedlicher Fachrichtungen. Aus dem Gebiet der Archäologie, der Kunstwissenschaft, der Historik, der Ethnologie, aber auch des Handwerks sind Fachleute gefragt. Im Museum sind ungefähr 30 Personen angestellt. Es gibt eine hauseigene Schreinerei, man restauriert hier und untersucht die Herkunft einzelner Stücke. Ganz wichtig ist auch der grafische, technische und elektronische Support.

Herkunft der Ausstellungsstücke

Das Museum bekommt auch heute noch Angebote von alten Gegenständen, die „doch so gut ins Museum passen“ würden. Doch vieles ist leider unbrauchbar. Sammler haben unterdessen gemerkt, dass sie auf Auktionen für gute Stücke viel Geld bekommen können. So ist die Museumsleitung manchmal selber gezwungen, Ergänzungsstücke für eine Sammlung auf solchen Auktionen zu erwerben. Es gibt dafür einen Ankaufs-Kreditrahmen. Natürlich kostet auch das Lager sehr viel Geld. Schon darum überlegen sich die Verantwortlichen gut, was sie annehmen wollen. „Wir sind keine Brockenstube“, meinte Museumsleiter Studer dazu kurz und knapp.


Moderne Ausstellungen

Heute will das Museumspublikum etwas erleben, nicht nur leblose Gegenstände anschauen. Darum werden Jahr für Jahr spannende Ausstellungen geplant und für eine gewisse Zeit dem Publikum geöffnet. Dabei helfen sich Museen bei Bedarf auch gegenseitig aus. Der Beruf der Kuratorin, des Kurators ist äusserst vielseitig, es braucht dazu ein Studium.

Im Augenblick laufen drei Sonderausstellungen, so KLIMT UND FREUNDE, ein Augenschmaus mit vielen Kostbarkeiten. Unter dem Namen KLUG UND KÜHN - FRAUEN SCHREIBEN GESCHICHTE, wird der Kampf um das Frauenstimmrecht vor Augen geführt. Dazu kommt ENTDECKUNGEN- HIGHLIGHTS DER SAMMLUNG. Das Kindermuseum im oberen Stock findet grosse Beachtung. Es verführt Kinder zu eigenen Entdeckungen und weckt das Interesse für frühere Zeiten. Dazu gibt es sechs neue Dauerausstellungen, Grund genug, das Museum von Zeit zu Zeit zu besuchen.

Apéro

Abgeschlossen wurde die interessante Führung durch einen feinen Apéro im „schönsten Innenhof St.Gallens“, wie Direktor Studer stolz anmerkte. Der ganze Anlass war von Co-Präsidentin Brigitt Klaus-Hasler initiiert und begleitet worden, unterstützt von ihrem Ehepartner Hanspeter, der die feinen Brötchen aus Oberuzwil mitgebracht hatte. Auch der Wein aus dem Weinberg Klaus fand Anklang. So konnte endlich auch wieder etwas mehr gemeinschaftlicher Austausch gepflegt werden. 

Nächste Anlässe der Donnerstags-Gesellschaft Oberuzwil

Donnerstag, 9. September 2021, 20:00 im Singsaal der Oberstufe Oberuzwil: Lara Stoll mit "Gipfel der Freude"

Donnerstag, 28. Oktober 2021, um 20:00 Uhr im Singsaal der Oberstufe Oberuzwil: Schreiber vs. Schneider mit "Endlich erwachsen!"