Was bedeutet «Würde» im Kontext von psychischer Gesundheit? Welche Rolle spielt die eigene Wertschätzung auf dem Genesungsweg? Wie können Fachpersonen Betroffene auf ihrem individuellen Weg begleiten und ihre Würde stärken? Wie erleben Angehörige Würde in ihrer Rolle und in Bezug auf ihre Beziehung zur erkrankten Person und wie sind Begegnungen auf Augenhöhe möglich?

Als ganzer Mensch betrachtet werden

Zahlreiche Besucherinnen und Besucher verfolgten das Referat einer Frau mit Psychiatrie-Erfahrung und ein weiteres Referat einer Angehörigen. Beide Vorträge waren sehr persönliche Lebensgeschichten, eindringlich und dicht in ihren Aussagen. Auch an der diesjährigen Tagung zeigte sich, dass persönliche Geschichten und Erfahrungen helfen, Situationen zu verstehen. Für alle Beteiligten war es unglaublich wichtig, voneinander zu hören und im Austausch zu sein. Eine Referentin brachte es auf den Punkt: «Würde strahlt aus, ist spürbar. Sie ist eine innere Haltung, die in unserem Handeln, unserem Denken und Sprechen erfahrbar wird. Zentral scheint mir, dass wir einander als ganzen Menschen betrachten.»

Jeder Mensch hat eine Würde

In seinem Referat «Hilft Würde wirklich?» am Nachmittag ging André Böhning, katholischer Seelsorger und Coach der Psychiatrie St. Gallen Nord, auf den unterschiedlichen Umgang mit dem Begriff der Würde ein: «Auf den Einzelfall bezogen, bewegen wir uns mit dem Begriff im Spannungsfeld von Autonomie und Selbstbestimmung.» Das Recht auf Selbstbestimmung der Patienten sei in den vergangenen Jahren gestärkt worden. Der Suche nach Autonomie stünden gleichzeitig Werte gegenüber, die sich verändern: Patienten wollten Angehörigen nicht zur Last fallen, wollten nicht abhängig sein. Am deutlichsten wird dieses Ringen um Autonomie in der Psychiatrie durch die Zwangsbehandlungen, die für alle Beteiligten, also Patienten, Fachpersonen und Angehörige oftmals als schwierig und entwürdigend empfunden werden.

Post inside
Die Säntis-Tagung zum Thema «Würde und psychische Gesundheit» zog viele Angehörige, Betroffene und Fachleute an.


Würde wiederherstellen

André Böhning zeigte in seinem Vortrag auf, dass Würde durch den Beistand der Angehörigen und die Behandlung durch die Fachpersonen auch wiederhergestellt werden kann. Der kategorische Imperativ kann und muss auch auf die Arbeit in der Psychiatrie angewandt werden: Wie würde ich selbst gern behandelt werden? «Würde ist Anspruch auf Achtung und Respekt von und für alle Beteiligten», so Böhning. Damit plädierte er nicht zuletzt für mehr Toleranz, insbesondere in Fällen, in denen die Gesprächspartner unterschiedliche Würdeverständnisse haben. Vor allem im Dialog und gegenseitigen Verständnis könne die Würde dann auch wirklich helfen.

Unterhaltung mit den «Zugvögeln»

Für Unterhaltung sorgte das Spiegeltheater «Die Zugvögel», das die Stimmung der einzelnen Vorträge aufnahm und das Publikum zwischen den einzelnen Beiträgen zu Bewegung animierte. Den Abschluss der Tagung gestalteten Betroffene, Angehörige und Fachleute.

(pd)