In früheren Jahren gestalteten einzelne Familien in Oberuzwil an ihrem Haus ein Adventsfenster. Position und Eröffnung der einzelnen Fenster wurde jeweils im Vorfeld bekanntgegeben. Tag für Tag weiteres Fenster geöffnet. Beim ersten Aufmachen  wurden Vorbeigehende mit einem heissen Getränk und mancherorts sogar mit Weihnachtsgebäck beschenkt. Doch diese geschmückten Fenster lagen in der doch recht weitläufigen Gemeinde teilweise ziemlich weit auseinander. So versandete diese Idee irgendwann wieder.

Neue Idee für den Advent

Ursula Bachofner, Vorstandsmitglied des Oberuzwiler Frauenvereins, las zufällig einmal, dass man irgendwo im Rheintal Bilderrahmen für Weihnachtsbilder aufhänge. Fast gleichzeitig entdeckte sie auf einem Spaziergang durch Algetshausen, dass es da einen Kistli-Rundgang gebe. Jedes dieser Kistli wurde von je von einer Algetshauser Familie dekoriert. Rahel Keller, heutige Präsidentin des Vereins, begeisterte sich ebenfalls für diese Idee. Interessanterweise kannte sie die dafür verantwortliche Frau sogar persönlich und informierte sich darauf bei ihr genauer über Bau und «Möblierung» solcher Kistli.

An einer Vorstandssitzung stellten die beiden Frauen die Idee von einem Adventskistli-Weg mit einer fortlaufend nachzulesenden Geschichte dann den Kolleginnen vor. Neue Ideen werden da nämlich immer erst einmal diskutiert. Das Projekt fand guten Zuspruch. Und so wurden schon bald die dazu nötigen Weinkisten aus unbehandeltem Holz bestellt und von fleissigen Vorstandsfrauen sorgfältig lackiert. Darauf begann die Suche nach passenden Geschichten, dann das Stöbern auf Estrich und im Keller nach Dekorationsmaterial...

Kreative Frauen

Begonnen wird mit der ganzen Herstellung natürlich immer schon im Sommer. Vor zwei Jahren tauschten sich die beiden Initiantinnen gar bei über 30° unter der grossen Buche vor dem Betreuungszentrum Wolfgang über die infrage kommenden Adventsgeschichten aus. Jede der beiden Frauen hat immer bereits mehr als eine solche ausgesucht. Wenn man ein derartiges Projekt vorhat, ist man eigentlich das ganze Jahr über Zeit ein wenig auf «Schnüffeltour». Die Geschichten werden entweder Büchern der eigenen Bibliothek entnommen oder aber ausgeliehen, einige auch neu gekauft. Diesen Sommer wurden zudem neue Kistchen bestellt, dazu neue Plexiglasscheiben, denn diese zerkratzen sehr schnell, beschlagen sich auch gerne. Schliesslich möchte man als Besucherin oder Besucher die besinnlichen, oft mit lehrreichem Inhalt versehenen Geschichten gerne auch sehen können.

Handwerkliches Geschick

Es braucht schon mehr als nur ein wenig handwerkliches Geschick für ein derartiges Projekt, dazu ein gutes Gespür für die Wirkung dreidimensionaler Kunstwerke. Da wird gestrickt– man schaue sich nur die herzigen Westlein des kleinen Vogels Robin an -, gehäkelt und genäht, eine ganze Wohneinrichtung in Miniaturform eingepasst, der Hintergrund mit einem passenden Bild erschaffen. Die Bilder werden bearbeitet – mit Photoshop – auf dickes Papier ausgedruckt und in die Kistli eingepasst. Dann werden die vorbereiteten Miniatureinrichtungen begutachtet, wenn nötig mit Zukäufen ergänzt – doch das meiste kommt aus dem Fundus der beiden Frauen. Wenn schliesslich die ganze Szenerie stimmt, dazu der von Ursula Bachofner neu geschriebene Text von Rahel Keller kontrolliert worden ist, dann wird die Plexiglasscheibe eingefügt, bestimmt eine recht knifflige Angelegenheit.

Da werden unzählige Stunden für Vorbereitungsarbeiten investiert. Aber auch nach dem Abräumen aller Kistli ist die Arbeit noch nicht getan. Verschleissspuren zeigen sich schliesslich Jahr für Jahr. Sämtliche noch verwertbaren Bestandteile werden deshalb bei Bedarf abmontiert und bei neuen Kistli angebracht. Die Arbeit geht also nie aus – die Ideen zum Glück auch nicht.

Versorgt werden die Kistli nach ihrem Einsatz auf dem Dachstock der Kapelle. Um die Zeit der Oberuzwiler Chilbi herum werden sie dann wieder aus dem Winterschlaf geholt und mit den entsprechenden Dekorationen versehen. Dies passiert in Bachofners Werkraum. Einsatzfreudige männliche Familienmitglieder helfen glücklicherweise immer beim Einschlagen der Pfosten. Letztere warten jeweils beim Platanenhof hinter dem grossen Stall geduldig auf ihren nächsten Einsatz.

Liebevolle Details

Man kann es kaum glauben, dass man so kleine Dinge stricken kann! Aber es geht, wie die herzigen Mützlein, Westlein und andere Kleidungsstücke beweisen. In einer Stube steht sogar ein richtiger Kachelofen, mit dem schon Ursula Bachofner als Kind gespielt hat. Auch die vielen Tiere, die sich auf manchem Bild tummeln, regen die Fantasie an. Man kann lange vor einem solchen Kistli stehen und immer wieder neue Details entdecken. Bei Rahel Keller zuhause lagern unterdessen unzählige kleine Aussteuern, die je nach Geschichte in den Kistchen Verwendung finden.

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Es braucht Geduld und Können, um derart kleine Kleidchen zu stricken. Man beachte auch die verschiedenen Details. 


Teilen macht glücklich

Da gibt es den kleinen, liebenswerten Vogel Robin, ein hübsches Rotkehlchen, der eine Woche vor Weihnachten alle seine warmen Westen bügelt, für jeden Tag eine. Stolz trägt er die erste durch den kalten Wintertag. Doch kaum vor die Haustüre getreten, begegnet ihm bereits ein frierender Frosch. Ohne lange nachzudenken schenkt ihm Robin seine Weste. Schliesslich hat er ja noch sechs andere zuhause. Aber jeden darauffolgenden Tag passiert ihm Ähnliches, sodass er am Schluss der Woche selber frierend dasteht. Wie die Geschichte ausgeht, soll hier ein Geheimnis bleiben. Hingehen und nachlesen... Die Geschichte wurde von der Autorin Jan Fearley erfunden und gemalt.

Eine kleine «Materialkunde»

Ein Buch aus dem Zürcher Lehrmittelverlag erzählt Kindern, wo all die Köstlichkeiten herkommen, die jeweils in einem Chlaussäckli liegen. Schliesslich wachsen in Oberuzwil weder Orangen noch Erdnüsse noch Datteln... Hier können Kinder – und Erwachsene, die das vergessen haben sollten – erfahren, wie all die Herkunftsländer heissen. Die Kinder in diesen Ländern haben in der Geschichte landesübliche Vornamen. Für grössere Kinder bietet sich da bestimmt auch ein Nachschauen auf einem Atlas an, später zuhause, sofern man in Zeiten von Google überhaupt noch einen solchen besitzt. Silvia Hüsler heisst die Autorin und Illustratorin dieses lehrreichen Kinderbuches.


Märchenhaftes von Trudi Gerster

Und schliesslich haben die zwei Frauen eine Geschichte aus dem Weihnachtsbuch der unvergesslichen Trudi Gerster zur Inszenierung eines zauberhaften Christbaumschmucks verwendet. Während oben der Christbaum bereits schön geschmückt dasteht, ärgern sich unten im Keller die Spinnen, dass sie diesen nicht anschauen dürfen. Die putzsüchtige Hausfrau hat nämlich etwas gegen Spinnen! Doch ein winziger Engel hatte Erbarmen mit den armen Tierchen und führte sie auf geheimen Wegen in die Stube. Und was passiert dort? Ein richtiges Wunder - zu erfahren im letzten Kistli dieser Geschichte. Die Geschichte heisst «Wie das Engelshaar auf den Weihnachtsbaum kam».


Für die ganze Familie

Dieses Jahr passt die Kulisse bis jetzt wunderbar zu den so schön dargestellten Geschichten. Schnee liegt auf den Dächern der einzelnen Kistli. Das Bächlein bei den Schrebergärten oberhalb des Oberstufenzentrums gluckst, der Schnee knirscht, an einem sonnigen Tag kann es einem passieren, dass die zu Dutzenden in der Nähe lebenden Rotmilane obendrüber kreisen und ihre typischen Schreie ausstossen. Der Rundgang ist ungefähr einen Kilometer lang, beginnt bei der Katharinenkapelle auf dem Dorfplatz Oberuzwil und endet auch da wieder. Für den Kinderwagen ist der Weg jedoch nicht geeignet, aber ein Papa kann ja auch gut sein kleines Kind auf seine Schultern nehmen, sollte es nicht mehr weitergehen mögen.

Bis jetzt sind dieses Jahr alle Kistchen heil geblieben. Aus Versehen wurde bei einer Schneeballschlacht zwar einmal ein Kistchen beschädigt. Ein beteiligter Bub habe sich darauf bei einer Frau aus dem Vorstand etwas zerknirscht gemeldet und sich für das Missgeschick entschuldigt. Da verzeiht man doch gerne!

Mit ihrer Arbeit haben die zwei Frauen und verschiedene Heinzelmännchen – darunter auch mehrere «Heinzelfrauen» - viele Stunden investiert und machen damit in der Adventszeit ganz vielen Kindern, aber auch unzähligen Erwachsenen viel Freude bereitet und die Eine oder den Andern vielleicht sogar zum Nachdenken gebracht... Wann passt das besser als in der besinnlichen Adventszeit?

Frauenverein Oberuzwil

Der Frauenverein Oberuzwil wirkt oft im Stillen, hilft Nöte lindern, wo dies in Absprache mit dem Sozialamt angebracht ist und bietet auch kunsthandwerkliche oder andere Kurse, manchmal auch Referate oder unterhaltsame Abende für die Mitglieder an. An der Chilbi betreibt der Frauenverein traditionellerweise einen Kuchen- und Kaffeestand. Und auch an der ökumenischen Bettagsfeier in der MZA Breite sind immer wieder Frauen aus dem Vorstand des Vereins im Einsatz. Die Adventskistli sind ein weiteres Angebot für die Öffentlichkeit.