Die örtliche Organisation der 1. Augustfeier übernahm die Frauengemeinschaft Niederglatt gemeinsam mit der Familie Dudli, Watt, auf deren Hof der traditionelle Anlass stattfand. Nachdem am Morgen bereits rund 430 Personen den reichhaltigen „Brunch auf dem Bauernhof“ geniessen konnten, liess sich die Infrastruktur auch für die Bundesfeier verwenden. Ab 18 Uhr bot sich die Gelegenheit, in der Festwirtschaft den kulinarischen Einstieg mit Grilladen, Pommes-Frites oder am Kuchenbüffet zu vollziehen. So konnten sich die Besucherinnen und Besucher aus der ganzen Gemeinde in gemütlichem Rahmen treffen und austauschen. Um 19.30 Uhr läuteten die Glocken der Kirche Felix und Regula in Niederglatt und der übrigen Dörfer die offizielle Bundesfeier ein. Pünktlich zum Beginn der Feier wirbelte eine heftige Windböe den Staub vom trockenen Vorplatz durch das offene Festzelt. Eilends flüchteten sich die Gäste vor dem aufziehenden Gewitter in die Scheune, welche noch vom Brunch eingerichtet war. Als dann der langersehnte Regen fiel und etwas Abkühlung brachte, klatschten einige.

Verbundenheit mit der Gemeinde
Alois Schilliger, Gemeinderat und Mitglied der für die Durchführung der Bundesfeier verantwortlichen Kulturkommission, begrüsste die Teilnehmenden. Er stellte den prominenten Festredner Prof. Dr. Rudolf Minsch vor, der in Niederglatt kein Unbekannter ist. So grüssten ihn zahlreiche Bekannte mit Ruedi. Von 1988 bis 1991 wirkte Ruedi Minsch als junger Dorflehrer in der Schule Niederglatt und wohnte insgesamt zwölf Jahre in der Gemeinde Oberuzwil. Er gestaltete die Dorfbühne Niederglatt massgeblich mit und leitete mehrere Theateraufführungen. Zum Jubiläum der Gemeinde schrieb er 2003 das Theaterstück „Amerika, mer chömed“. Nach dem erfolgreichen Studium an der Universität St. Gallen und weiteren Bildungsschritten promovierte er 2002 mit einer wissenschaftlichen Arbeit. Heute ist Rudolf Minsch Chefökonom und stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsleitung von „economiesuisse“, der grössten Dachorganisation der Schweizer Wirtschaft. Er wohnt mit seiner Familie in Klosters.

Musikalischer Auftakt
Eine Formation der Musikgesellschaft Bichwil-Oberuzwil unter der Leitung von Dominik Eugster gab dem Anlass den musikalischen Rahmen. Mit Spannung erwartete das Publikum den Auftritt des Festredners Rudolf Minsch. Einleitend erinnerte er sich an einige Episoden, die er als Dorflehrer in Niederglatt erlebte. „Und weil der Primarlehrer immer noch ein bisschen in mir steckt, erzähle ich am Nationalfeiertag ein Märchen. In Märchen steckt immer etwas Wahres drin“. Vor vielen Millionen von Jahren seien die Insekten die einzigen Lebewesen auf dieser Welt gewesen. Bildhaft und spannend schilderte der Erzähler, wie sich die verschiedenen Insekten ihr Lebensumfeld aufbauten. Doch ihr Dasein lief nicht ohne Streitereien und heillosem Durcheinander ab. So beschlossen die Insektenvölker, ihren Lebensraum in Territorien aufzuteilen. Im Ameisenstaat vermochte der Boden nicht alle zu ernähren und so wanderten viele aus und fanden Arbeit bei anderen Insekten. Einige fanden später den Weg zurück in die Heimat, mit neuen Erfahrungen und einem erworbenen Vermögen.

Viel Glück dabei
Weil verschiedene Arten in ihrem Umfeld durch äussere Umstände Schwierigkeiten bekamen, baten sie im Ameisenstaat um Asyl. Mit der Herstellung und dem Export von Seide wuchs der Reichtum des fleissigen Ameisenvolkes. Leider entwickelte sich das Volk trotz des Wohlstands negativ. Durch Unzufriedenheit mit dem Verhalten der Fremdarbeiter und die zunehmende Konkurrenz führten zu einer schwierigen Situation. Es vergingen zweiundzwanzig Generationen, bis die Ameisen wieder mit Fleiss zu neuen Ideen kamen und ihre Parzelle wieder erblühte. Nach dieser tiefsinnigen Geschichte stellte der Redner die Frage: “Ist mit dem Volk der Ameisen etwa die Schweiz gemeint? Die Ameisen verstanden, dass sie Glück hatten. Sie pflegten ihr wunderschönes Land und waren stolz auf ihren Staat“. Rudolf Minsch erinnerte daran, dass auch die Eidgenossenschaft in der Vergangenheit viel Glück hatte. Auch dank der Staatsgründung 1848 mit einer neuen Verfassung und dem Zweikammersystem erlebe die Schweiz seit 170 Jahren eine politische Stabilität.

Weitsicht und Einsatz
Als weiteren Punkt führte der Festredner die Flüchtlingsfrage an. Viele clevere Leute seien aus politischen oder religiösen Gründen in die Schweiz gekommen. So sei in der Westschweiz dank den Hugenotten aus Frankreich die Uhrenindustrie entstanden. Auch die Gründer weiterer grosser Unternehmen wie Heinrich Nestle, Michele Maggi oder Brown und Boveri, Gründer der BBC (heute ABB), seien keine Urschweizer gewesen. Ohne diese cleveren Zuwanderer wäre die Schweiz nicht dieselbe. Dass sich das Land in den beiden Weltkriegen unbeschadet heraushalten konnte, sei ebenfalls ein grosses Glück. Die Schweiz sei innovativ und wettbewerbsfähig. Abschliessend rief Rudolf Minsch die Zuhörenden zur Besinnung auf die Werte auf. „Die Herrenvolk-Idee oder das Dolce-far-niente ist nichts für uns. Bleiben wir fleissig und versuchen wir uns immer weiter zu verbessern und Neues zu schaffen. Und etwas mehr Bescheidenheit wäre schön. Dann können wir auch zu Recht stolz auf unser cleveres Ameisenvölklein sein“.