Frau Meyer, am 8. März wurde der Internationale Tag der Frau begangen; glauben Sie, dass es in der Schweiz noch immer Verbesserungsbedarf in der gesellschaftlichen Stellung von Frauen gibt?

Es hat viele Fortschritte gegeben, gerade was die Möglichkeiten der Berufswahl und Berufsausübung betrifft. Heute absolvieren in der Schweiz fast alle jungen Frauen eine Ausbildung, sei es eine Lehre oder ein Studium. Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass jeder – egal ob Junge oder Mädchen – den Beruf erlernen darf, der seinen Interessen und Fähigkeiten entspricht.

Sehen Sie bei einem Thema Handlungsbedarf?

Zu tun gibt es immer etwas: Punktuell ist das Thema Lohnungleichheit weiterhin ein Thema. Dies ist aber nicht ausschliesslich die Aufgabe der Politik oder der Arbeitgeber. Ich musste lernen, mich für mich einzusetzen und zu verhandeln. Auch bilde ich mich stetig weiter, um den Anforderungen des Berufslebens nachzukommen. Ich kann Frauen nicht verstehen, die sich zurücklehnen und vom Mann aushalten lassen.

Denken Sie an weitere Frauenthemen, die verbesserungsbedürftig sind?

Sehr nachdenklich stimmen mich aktuelle Ereignisse: Die gewaltsame Niederschlagung der Proteste in London durch die Polizei. Da wurden Frauen niedergeknüppelt, die nach der Ermordung einer Frau gegen Gewalt an Frauen protestiert haben. Auch am Tag der Frau wurde in Zürich nicht gerade zimperlich mit den demonstrierenden Frauen umgegangen, während bei anderen Demonstrationen nicht so hart vorgegangen wurde. Welche Signale sendet das? Frauen, seid ruhig? Nehmt hin, dass Frauen täglich Opfer von Gewalt werden? Da gibt es noch viel zu tun.

Was müsste Ihrer Meinung nach gesellschaftlich weiter unternommen werden, um die Situation von Frauen zu verbessern?

Gewalt an Frauen ist leider viel zu häufig und wird meiner Meinung nach verharmlost. Die Strafmasse sind teilweise lächerlich, die Gesellschaft schaut weg. Frauenhäuser kämpfen um jeden Franken. Es braucht Zivilcourage und Sicherheit für die betroffenen Frauen. Sie dürfen nicht vor dem existenziellen Aus stehen, wenn sie sich von einem gewalttätigen Partner trennen. Gerade darum betrachte ich die Ausbildung als wertvolles Gut.

Wo besteht weiter Optimierungsbedarf?

Grundsätzlich sollten unsere Bemühungen dahingehen, dass wir Chancengleichheit für alle anstreben. Eine Frau ist biologisch in der Lage, ein Kind zu bekommen - ein Mann nicht. Das kann man nicht gleichmachen. Es sollte aber möglich sein, Arbeit und Beruf unter einen Hut zu bringen. Es gibt Männer, die Teilzeit arbeiten und einen Teil der Kinderbetreuung übernehmen möchten. Einige Branchen stellen sich quer, aber es tun sich kleine Schritte. Die Akzeptanz wird immer grösser. Wer nicht Alleinernährer einer Familie ist, steht weniger unter Druck. Das merken wir jetzt, wo ganze Einkommen wegfallen und Unterstützung lange auf sich warten lässt.

Gab es in Ihrem Leben Situationen, in denen Sie sich als Frau diskriminiert gefühlt haben?

Ich hörte schon öfter den einen oder anderen Spruch unter der Gürtellinie. Zum Glück bin ich schlagfertig und humorvoll und kann derartiges parieren.

Engagieren Sie sich persönlich in irgendeiner Weise für die Situation von Frauen?

Durch den Pflegeberuf bin ich natürlich Mitglied im Berufsverband. Auch bin ich politisch interessiert. Ich kann aber nicht behaupten, dass ich mich ausserhalb meines Berufs noch grossartig engagiere.

Zur Person:

Rebekka Meyer ist in Wil aufgewachsen und lebt mittlerweile im Thurgau. Vor 25 Jahren hat sie die Kantonsschule abgebrochen, um Psychiatriepflegerin zu werden. Seitdem arbeitet sie im Pflegeberuf und ist seit zehn Jahren als Berufsbildnerin und neu auch als Bildungsverantwortliche für angehende Pflegefachpersonen zuständig.