Wahrscheinlich wäre alles ganz anders gekommen, wenn Lara Capo vor zwei Jahren ihre Fussballschuhe nicht an den Nagel gehängt hätte. Immerhin widmete sie sich als kleines Mädchen voll und ganz dem Ball. Stattdessen wollte die damals Neunjährige plötzlich singen. Einfach so. Aus dem Nichts entschied sie das. Immer wenn sie ihre grosse Schwester Vanessa mit ihrem Papa singen hörte, wollte sie mitmachen. Ja, ein bisschen Eifersucht war vorhanden. Ja, sie eiferte ihrer grossen Schwester nach. Also forderte sie Gesangsstunden bei ihrem Vater ein. Bereits nach wenigen Tönen war ihm, dem erfahrenen Musiker, klar: «Ljubavi» – so nennt man in Kroatien Menschen, die man liebt, und in diesem Fall bedeutet es «Liebes» –, sagte ihr Vater, «daraus wird nichts». Er wollte sie überreden, ein anderes Hobby zu wählen. Doch das Mädchen blieb stur. Singen und nichts anderes. Das war ihr Wunsch. Und den konnte der Papa seiner Tochter kaum abschlagen. Also übten sie. Teilweise bis spät in die Nacht – weil Lara Capo es so wollte. Nach mehr als einem halben Jahr war er dann da. Dieser Moment, der alles veränderte. Die Neunjährige traf plötzlich jeden Ton.

«Ich persönlich habe am Talent meiner jüngsten Tochter gezweifelt», gibt Vater Darko Capo offen zu. Er, der selbst seit Jahrzehnten Musiker ist und in seinem Heimatland Kroatien bereits eine Karriere als Sänger gestartet hat, weiss als Experte wovon er redet. Inzwischen ist Lara Capo elf Jahre alt und eine Sängerin mit einer wuchtigen Stimme. Und sie singt wie eine ganz Grosse. Sind doch ihre Vorbilder Whitney Houston, Mariah Carey und Ariana Grande. Zusammen mit ihrer älteren Schwester Vanessa Capo bildet sie das Duo Capo Sisters. «Meine Tochter ist der Beweis, dass man das Singen wirklich lernen kann», ist der dreifache Familienvater überzeugt. Wäre Lara nicht seine Tochter, hätte er die einzelnen Gesangsstunden ziemlich schnell hingeschmissen. «Sogar meine Grossmutter konnte besser singen als Lara», witzelt er heute. Während ihr Vater die Geschichte aus seiner Sicht erzählt, kichert Lara Capo. Ihre ältere Schwester, Vanessa Capo, sitzt neben ihr und hört aufmerksam zu. Irgendwann äussert auch sie sich: «Also ich habe immer daran geglaubt, dass meine Schwester singen kann.» Warum? «Ein Bauchgefühlt», antwortet die 13-Jährige, der das Gesangstalent des Vaters quasi in die Wiege gelegt wurde. Nicht zuletzt sei es auch ein grosser Wunsch gewesen. «Ich wollte schon immer mit meiner Schwester zusammen auf der Bühne stehen», so Vanessa Capo.

Reife und Selbstbewusstsein

Tatjana Capo, Mama der beiden Schwestern, stellt verschiedene Getränke und einen Teller mit Knabbereien auf den langen Holztisch im Wohnzimmer des Einfamilienhauses. Feigen. Datteln. Nüsse. Schokolade. Die Gastgeber bieten Kaffee und einen Schluck Rakija, Zwetschgen-Schnaps, an. So wie man es von kroatischen Gastgebern kennt. Erst dann beginnen die beiden Schwestern, die in Wil geboren und aufgewachsen waren, zu erzählen. Von ihrem bisher Erlebten. Von ersten Erfahrungen auf der Bühne. Von ihren Träumen, ihren Zielen. Für eine Elfjährige und eine 13-Jährige wirken die beiden Schulmädchen reif. Sie hören aufmerksam zu. Überlegen kurz. Ihre Antworten sind bedacht und präzise. Dabei schweifen sie nicht vom Thema ab. Sie zeigen sich selbstbewusst. Sitzen mit einem geraden Rücken am Tisch.

 
Vanessa und Lara Capo, die als Capo Sisters bekannt werden möchten, singen für die hallowil.ch-Leser und erzählen, warum sie Sängerinnen werden möchten. (Video Magdalena Ceak)

«Meinem Ehemann und mir ist durchaus bewusst», erzählt Tatjana Capo, «dass unsere Töchter ziemlich erwachsen für ihr Alter wirken.» Das liege am intensiven Gesangstraining der «beiden jungen Perfektionistinnen». Denn den beiden sei nicht nur der Gesang und das Auftreten auf der Bühne wichtig. «Die Emotionen müssen genauso stimmen», fügt Vanessa Capo gleich an. Und diese Gefühle wollen die beiden Talente auf der Bühne möglichst authentisch zeigen. «Eine wahre Herausforderung», findet ihr Vater. Immerhin suchen sich die beiden Schulmädchen Coverlieder aus, in denen es um die grosse Liebe, Trennungen und Verluste geht. «Gefühle zu vermitteln, die man noch nie im Leben empfunden hat», erklärt der Vater, «das ist wahres Talent.»

«Ja, nach der Schule arbeiten wir hart und singen ununterbrochen», erzählt Lara Capo. «Aber wir können einfach nicht damit aufhören, denn es ist das, was wir lieben», fügt die Elfjährige hinzu. Und die harte Arbeit zeigt bereits erste Erfolge: So stehen die Capo Sisters heuer im Halbfinale der «Swiss Voice Tour». Mittlerweile haben die Mädchen einen Manager, diesen Sommer haben sie zudem in einem Musikstudio in Zagreb die Coversongs «Marvin Gaye» und «We are family» aufgenommen. In den Abbey Road Studios in London wurden die beiden Lieder von Frank Arkwright vervollständigt. «Für mich ist das eine grosse Ehre», sagt Vanessa Capo. Immerhin wurden fast alle Musikalben der Beatles in den Abbey Road Studios aufgenommen.

Warum das Wiler Gesangsduo Capo Sisters heisst, ist nicht ganz einfach zu erahnen. Noch vor wenigen Wochen trug Familie Capo den Nachnamen Paradj. Der Familienvater hat sich in Kroatien unter dem Künstlernamen Darko Capo einen Namen gemacht und schon einige Singles veröffentlicht. «Meinen eigentlichen Familiennamen Paradj habe ich in den letzten Jahren selten gebraucht», erklärt der Künstler. Für ihn und seine Frau sei irgendwann klar gewesen, den Familiennamen anpassen zu lassen. «Wir führen sozusagen die Geschichte sowie die Karriere unseres Vaters weiter», sagt Vanessa Capo. Der Familienvater sieht die Namensänderung auch als Neustart. Denn innerhalb weniger Jahre erlebte die Familie gleich drei Schicksalsschläge. «Zuerst verunfallte der eine Bruder in Bronschhofen tödlich. Meine Mama hatte zwar einen gutartigen Tumor, starb aber einige Jahre an den Folgen einer Operation. Und der andere Bruder verstarb an Krebs», erzählt Darko Capo. Mit dem neuen Familiennamen könne er die Vergangenheit hinter sich lassen. Quasi ein Neubeginn. 


Ein einziger Wunsch, ein einziges Ziel

Sie kichern. Flüstern sich gegenseitig etwas zu. So wie es Jugendliche in ihrem Alter tun. Mädchenhaft und verspielt sind Vanessa und Lara Capo trotz ihrer Seriosität und Reife. Während die jüngere Schwester auf eine Frage antwortet, zupft Vanessa Capo ihre braune Lockenmähne zurecht. An diesem Donnerstagnachmittag haben die Schwestern das gleiche Outfit an: Weisse Sneakers. Ein schwarzes Latzkleid, darunter tragen beide Mädchen ein T-Shirt. Neben ihnen liegt je eine schwarze Lederjacke. Mit Hilfe ihrer Mutter, die alle Termine der gesamten Familie koordiniert, haben sie dieses eine Bühnenoutfit zusammengestellt. Sowohl die 13-Jährige als auch die Elfjährige haben eine sympathische und authentische Ausstrahlung. Eine Aura, die auf die grosse Bühne gehört. Die Mädchen lächeln, reden immer wieder davon, dass sie einen einzigen Traum haben: Erfolgreiche Sängerinnen werden, auf der Bühne stehen und andere Menschen mit ihrem Gesang begeistern. Aber ganz so einfach sei dieser Lebenstraum nicht. Denn die beiden Schwestern bekommen auch sehr viel Gegenwind. Vanessa Capo erklärt, dass sie sich vor allem von Erwachsenen wie beispielsweise Lehrern nicht ernstgenommen fühlen. Sie sollten zuerst etwas Richtiges und Anständiges lernen, heisse es immer wieder. «Ist denn unser Traumberuf nicht richtig und anständig?», fragt Lara Capo selbstbewusst und offen. Andere Menschen für ihre Entscheidungen und Träume zu verurteilen – das sei unfair und uncool.

«Vielleicht denken sich andere Eltern, dass wir die Karriere unserer Töchter pushen», spricht Tatjana Capo ein Thema an, dass ihr auf dem Herzen zu liegen scheint. Dem sei aber nicht so. Sie frage ihre Töchter immer wieder, was sie in ihrem Leben machen wollen, welche Interessen sie haben. Vor allem nach jedem Auftritt auf der Bühne rede sie offen mit den beiden Mädchen und hake nach, ob die Gesangskarriere wirklich das sei, was sie anstreben wollten. «Und was sollen wir als Eltern tun, wenn die beiden immer sagen, dass sie erfolgreiche Sängerinnen werden wollen?», entgegnet die Mama. Ihr liege es am Herzen, dass ihre Kinder das tun, was sie glücklich macht. «Ich will sie beispielsweise nicht zu einer KV-Ausbildung zwingen und am Schluss brechen sie die Lehre ab und sind unzufrieden», sagt Tatjana Capo. Und wenn sie schon eine Gesangskarriere anstreben würden, dann wolle sie ihre Kinder unterstützen. An dieser Stelle macht Darko Capo auf die Missstände in der Schweizer Musikszene aufmerksam. «Hier gibt es kaum bekannte Jungsänger», ist er überzeugt. Dabei gebe es in der Schweiz viele junge Talente, die richtig gefördert werden müssten. Hierfür hat der Musiker das Unternehmen Capo Music Group gegründet, die genau das tut: Junge Künstler in ihrer Karriere unterstützen und mit ihnen im Tonstudio zusammenarbeiten.  «Die Schweizer Musikszene hat enormes Potenzial», ist Darko Capo überzeugt.

«Diese Mädchen haben Talent», sagt Zoran Skugor am Telefon. Der in Zagreb lebende Manager und Produzent ist davon überzeugt, dass die beiden Wilerinnen richtig erfolgreiche Sängerinnen werden. «Ich gebe den Capo Sisters noch ein bis zwei Jahre und sie werden Teenie-Stars sein», so Skugor. Und er muss es wissen, hat er doch unzähligen Talenten am Balkan zu einer glänzenden und ruhmreichen Bühnenkarriere verholfen. Die kroatische Band ET oder Gesangstalente wie Nina Badric oder Tony Cetinski stammen aus seiner Feder. Auch mit Oliver Dragojevic – der kroatischen Musiklegende, die letztes Jahr an einer Krebserkrankung gestorben ist – hat Skugor zusammengearbeitet. «Sollten die beiden Mädchen die ‘Swiss Voice Tour’ nicht gewinnen», meint Skugor, «werden sie trotzdem ihren Weg gehen». Sobald die Capo Sisters eine genügend grosse Fangemeinschaft haben, würden die beiden eigene für sie geschriebene Songs bekommen. Egal, was beim Halbfinale der «Swiss Voice Tours» herauskommt. Die beiden Schwestern wollen sich weiterentwickeln und werden nicht aufgeben. «Ich habe schon einmal ein Ziel hartnäckig verfolgt», erzählt Lara Capo, «sonst könnte ich noch heute nicht singen.»